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von : hans3 ( 30.03.2009 19:17:07 )
Im Herbst 2008 wurde eine umfassende Arbeit über ein sehr interessantes Teilgebiet des ziemlich großen Bereiches „Bodymodification“ fertiggestellt (Wildcat-ink hat im Frühjahr 2009 darauf aufmerksam gemacht):
„Body Modification: psychologische Aspekte von Piercings und anderen Körperveränderungen.“ Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, vorgelegt von Rhea Kälin von Einsiedeln.
Angenommen im Frühjahrssemester 2008 auf Antrag von Prof. Dr. med. Daniel Hell und Prof. Dr. med. Heinz Böker, Zürich 2008.

Diese Arbeit enthält auch einen Abschnitt „Motive für Körperveränderungen“, welch letztere sich teilweise mit den im obigen Artikel genannten Beweggründen decken oder überschneiden.
Hier nachzulesen:

Aus dem Inhaltsverzeichnis: Kapitel 4 - Motive für Körpermodifikationen:
4.1 Attraktivitätssteigerung
4.2 Nachahmung und Gruppenzugehörigkeit
4.3 Unabhängigkeit und Erwachsenwerden
4.4 Identität, Individualität
4.5 Sensation Seeking und Neugier
4.6 Protest, Rebellion
4.7 Einen Lebensabschnitt mit positivem / negativem Hintergrund markieren
4.8 Den Körper kennenlernen, Körperkontrolle
4.9 Feminität/Maskulinität unterstreichen
4.10 Liebe und Liebeskummer
4.11 Steigerung der Hautsensibilität
4.12 Sexuelle Motive (Fetischismus, Exhibitionismus, Sadomasochismus)
4.13 Religiöse Motive
4.14 Spirituelle Motive (Grenzerfahrung und Bewusstseinserweiterung)
4.15 Kunst
4.16 Derealisation / Depersonalisation
4.17 Dysmorphophobie
4.18 Selbsttherapie
4.19 Selbstzerstörung

1. Einleitung
Es wird behauptet, der menschliche Körper ist naturgegeben schlicht, zweckmässig und wenig aufregend (http://www.wildcat.de): im Vergleich zum Tierreich sind die optischen Signale bescheiden, aber doch zumindest ausbaufähig. Und so helfen wir der Natur nach, „Versäumtes“ wieder gutzumachen: Make-up wird benutzt, Haare werden gefärbt, Zähne gebleicht, Muskeln an- und Fettpölsterchen abtrainiert, mit attraktiver Kleidung der Körper bestmöglich zur Geltung gebracht. Wo der Mensch alleine nicht weiterkommt, bemüht er Chirurgen, den einen oder anderen Makel zu beseitigen, um die „Signalwirkung“ des Körpers zu optimieren.
Dabei strebt der Mensch nach Jugend, Gesundheit und Unversehrtheit (zumindest dem äusseren Schein nach) und möchte der Umwelt sein positives Selbstbild optimal präsentieren. Die Wissenschaft der Selbstkonzeptforschung bestätigt, dass das Bild, welches wir von uns vermitteln, zu einem grossen Teil von unserer äusseren Erscheinung abhängt (Mummendey, 2000, S. 18). Zahlreiche Studien konnten darüber hinaus aufzeigen, dass die Attraktivität einer Person mit einer Vielzahl positiver Eigenschaftszuweisungen korreliert, und so ist es naheliegend, dass der Mensch bemüht ist, seinen Körper zum Guten (bzw. zum noch Besseren) zu verändern (Braun, Gründl, Maiberger & Scherber, 2001, S. 6). Fläche dazu bietet sich genug. Mit rund zwei Quadratmetern ist die Haut das grösste Organ
des Menschen (http://www.novartis-selfmedication.ch/cgi/de/products/skin/index.asp): Sozusagen eine Leinwand, auf der er ein Kunstwerk schaffen kann.
Enid Schildkrout, Anthropologe am Amerikanischen Museum für Naturgeschichte, sagt, dass wir alle etwas mit unserem Körper tun, „um anderen zu zeigen, wer wir sind - selbst wenn wir uns nur die Haare kämmen“ (zit. nach Stockinger, 2000, ohne Seitenangabe). Doch während Körperveränderungen wie Frisuren, Make-up, Lackieren der Fingernägel, Diäten, Krafttraining oder Bodybuilding mit augenfälliger Selbstverständlichkeit akzeptiert werden, tun wir uns mit anderen Formen der Veränderung schwer: Piercings, Tattoos, Brandings, Scarifications, Fleshtunnels, Sewings oder Implants sind die klingenden Namen für Körperveränderungen wie das Dekorieren aller möglichen Körperstellen mit durch die Haut getriebenen Metallstücken, Farbimplementierungen, Verbrennungen, Verätzungen, das Abziehen von Hautstücken, das Dehnen von Gewebe, das Nähen auf der Haut
oder Zunähen von Körperöffnungen und das Implantieren von Gegenständen unter die Haut. Solche Verfahren erinnern eher an Foltertechniken denn an Ornamente zur Verschönerung des Körpers. Doch sämtliche Praktiken sind keine neuzeitlichen Erfindungen einer rebellierenden Jugend oder emotional abgestumpfter Erwachsener, sondern sie fanden sich bereits bei Urvölkern rund um den Globus. Beweise dazu reichen zurück bis 3340 v.Chr. Häufig standen die Körperveränderungen im Dienste der Ästhetik oder der Individuation (vgl.
Kapitel 2), was u.a. auch dem heutigen Bedürfnis, den eigenen Körper möglichst attraktiv und ungewöhnlich zu präsentieren, entspricht. Dennoch verstehen wir die eingangs erwähnten Körperveränderungen wie Tattoos, Piercings oder Scarifications (heute unter dem Begriff „Body Modifications“ subsummiert) nicht als positive Selbstgestaltungsmöglichkeiten wie Make-up, Kleider, Coiffeurbesuche, Diäten oder gar Schönheitsoperationen.
Diese helfen dem Menschen dabei, seinen Köper bestmöglichst zu präsentieren und dem Idealbild der Jugend, Gesundheit und körperlichen Unversehrtheit zu entsprechen. Doch Body Modifications widersprechen dem heute geltenden Ideal, indem sie „das Fleisch penetrieren“, anstatt es zu erhalten und zu pflegen (Stirn, 2002a, S. 229). Und so ist für uns selbstdienliches, selbstschützendes Verhalten die Regel, und Body Modifications, obwohl ihre Techniken zunehmend hygienischer und die Motive ästhetisch ansprechender und qualitativ hochstehender werden (Persönliche Mitteilung, Roland, Artist im Modification-Studio Visavajara, Freiburg, 17. Juli 2007), verstehen wir als selbstschädigendes und demnach ungewöhnliches Verhalten. Menschen, die sich selbst beeinträchtigen, herabsetzen oder sogar
schädigen, die ihre Haut absichtlich verletzen, widersprechen dem positiven Selbstkonzept, fallen aus dem Rahmen dessen heraus, was wir als gemeinhin „normal“ bezeichnen und stossen deshalb in der Gesellschaft auf Unverständnis (Mummendey, 2002, S. 14).
Heute sind wir nun soweit, das dezente Tattoo auf dem männlichen Oberarm oder das Nasenflügelpiercing der Frau als gesellschaftsfähig einzustufen (Kasten, 2006, S. 14). Aber Piercings und Tattoos bereits zu den „Mainstream“- Körperveränderungen zu zählen (ebd.), scheint übertrieben. Forbes (2001, S. 785) konnte aufzeigen, dass in den USA CollegeStudierende mit Tattoos und Piercings von ihren nicht-modifizierten Kommilitonen deutlich negativer wahrgenommen werden, und er spricht von einem negativen Halo Effekt.
Ebenso zeigen Studien aus den USA, dass Jobbewerber mit sichtbaren Tattoos und / oder Piercings schlechtere Chancen auf eine Anstellung haben als nicht Modifizierte (insbesondere bei Berufen mit Kundenkontakt): Bei 87% der von Swager (2006) befragten Human Resource Manager und Recruiters fallen Tattoos oder Piercings negativ ins Gewicht, und auch Alice-Ann Acor (2001, S. 3885 - B) konnte nachweisen, dass Personen mit Augenbrauenpiercings bei Bewerbungen drastisch schlechter abschneiden als Bewerber ohne Piercings. Gemäss Swager (2006, S. 158) ist für die künftige Forschung besonders interssant, Kunden und Gäste über ihre Bereitschaft zu befragen, von Angestellten mit sichtbaren Body Modifications bedient zu werden und dabei herauszufinden, welchen Eindruck
sie abschliessend von der Bedienung und dem Geschäft bekommen haben. Es mag also sein, dass die Bevölkerung in einem gewissen Masse gegenüber einigen Formen von Body Modifications förmlich desensibilisiert wurde, aber die eben erwähnten Ergebnisse zeugen von einer nach wie vor ambivalenten-gesellschaftlichen Partizipation. Die kontroverse Wirkung von Tattoos und Piercings (geschweige denn anderen Formen der Modifications) scheint nicht, oder zumindest noch nicht, gänzlich aufgehoben zu sein.
In zahlreichen vorwiegend amerikanischen Publikationen wurde das Thema Tätowierungen und Piercings weiter untersucht (meist im Hinblick auf psychopathologische oder antisoziale Persönlichkeitsmerkmale, Gesundheitsschäden und Risikoverhalten). Aber auch in Deutschland ist die Forschung, besonders dank Prof. Dr. med. Aglaja Stirn, diesbezüglich auf dem Vormarsch. Heute ist der Zugang zur Thematik neutraler und von den tendenziell
diskriminierenden Obertönen früherer Publikationen wird Abstand genommen (Stirn, 2003d, S. 28). Es wird u.a. versucht herauszufinden, was die Menschen dazu bewegt, von einer Art „kollektiven masochistischen Epidemie“ infiziert, sich diesen z.T. mit starken Schmerzen verbundenen Prozeduren derKörpermodifikation zu unterziehen (Zbinden, 1998, S. 10). Die USA sind dabei klar die Vorreiter in Bezug auf Body Modifications, oder „BodMods“, wie Body Modifications in der Szene genannt werden: Die USA sind das Land, wo Trends gesetzt und neue Techniken entwickelt werden. Die weltweit grösste Homepage über Body Modifications, „Body Modification Ezine“, kurz BME5 (http://www.bmezine.com )genannt, stammt aus den USA . Darauf zu finden sind Bilder von allen erdenklichen
BodMod-Variationen, Selbsterfahrungsberichte, Interviews, ein eigenes sehr umfangreiches Online Lexikon u.a.. Die Seite ist informativ, lädt zum Austausch ein, schockiert. In Kategorien wie „Unusual Piercings“, „Scarifications“ oder „Rituals“ können Galerien besucht und Erfahrungsberichte gelesen werden. Ein Grossteil der Sites, besonders die Kategorie „Hard“, ist jedoch nur über ein Passwort zugänglich, und das zu Recht, denn was man auf dieser Page zu sehen bekommt, beschreitet gemäss Feige und Krause (2004a, S. 35) „die dünne Grenze zwischen lustvoller Exzentrik und abartiger Perversion“. Bei Kategorien wie „Castration Play“ oder „Cook Torture Play“ wird es teilweise sogar eingefleischten BodMod-Artists (Artist = engl. Künstler) zu viel (Persönliche Mitteilung, Ralf, Artist bei Visavajara, Freiburg, 08. August 2007).
BodMods, wie sie auf den Seiten von BME zu sehen sind, werden (meist) in Studios angefertigt. In der Schweiz finden sich gegenwärtig rund 300 Tattoo- und 250 Piercingstudios (Zahlen in Anlehnung an die Anzahl Telefonbucheinträge bei www.telsearch.ch , Stand vom 29. Juni 2007, und in Absprache mit Roger Zwahlen, Präsident VST und Rossi, Präsident VSP, persönliche Mitteilungen, 04. Juli 2007).
Möchte man jedoch Brandings, Scarifications, Spaltungen u.ä., braucht es ModificationStudios, die in der Schweiz (noch) nicht zu finden sind. Während in der Schweiz mancherorts die ethischen und moralischen Grenzen der Studiobesitzer bei Gesichtstätowierungen oder Klitorispiercings überschritten werden, sind in Deutschland Scarifications, Brandings, Zungen- und sogar Harnröhrenspaltungen (Subincisions) möglich. Modification-Studios finden sich dort in den meisten grösseren Städten (Persönliche Mitteilung, Roland, Artist bei Visavajara, Freiburg, 17. Juli 2007). Eines der bekanntesten (sogar über die Landesgrenze hinaus) ist das Visavajara (http://www.visavajara.com) in Freiburg. Einzig Amputationen (z.B. von Fingergliedern), Nullifications (die freiwillige Entfernung von Hoden oder sogar des Penis) oder Bisections (die Spaltung des Penis) werden auch hier nicht angeboten (Persönliche Mitteilung, Roland, Artist bei Visavajara, Freiburg, 17. Juli 2007). Bisections wären aus ethischen oder moralischen Gründen zwar denkbar, doch die Nachfrage sei zu gering. Die Schweiz ist in Bezug auf Body Modifications also noch ausserordentlich zurückhaltend. Während auch bei uns Tattoo- und Piercing-Conventions stattfinden (http://www.tattoo-convention.ch), existiert nur gerade eine Body Modification-Convention, wobei diese von den Organisatoren
nicht als Convention, „sondern [als] ein Miteinander“ (http://www.beepworld.de/members81/swissmod/deutsch.htm) beschrieben wird. Das Swiss Body
Modification Meeting (SwissMod) ist „nichts Kommerzielles, mehr was im privaten Bereich“ (ebd.) und fand 2007 bereits zum dritten Mal statt.
Entsprechend einer (noch) zurückhaltenden BodMod-Szene in der Schweiz fehlen soweit gesehen auch entsprechende Studien und Publikationen über das Thema Körperveränderungen. Einzig die Schweizer Journalistin Veronique Zbinden veröffentlichte 1998 ein Buch mit dem Titel „Piercing, archaische Riten und modernes Leben“, in welchem sie Piercings unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet, geschichtliche Hintergründe aufzeigt und einzelne Piercingarten kurz beschreibt. Wissenschaftliche Publikationen, ähnlich jenen aus den USA oder Deutschland, fehlen jedoch ganz. Aus diesem Grund bezweckt die Autorin mit der vorliegenden Untersuchung und einer explorativen Sammlung von Daten, welche die Gruppe von Schweizern BodMod-Trägern näher beschreibt, diesem
Umstand Rechnung zu tragen. Dabei wird das Thema Body Modification eingangs umfassend beschrieben.

„Body Modifications“ ist ein englischsprachiger Sammelbegriff für Körperveränderungen jeglicher Art. Obwohl keine „offizielle“ Definition des Wortes existiert, wird bei der Durchforschung des World Wide Web ein Grundkonsens in der Bedeutung des Begriffes deutlich (http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6rpermodifikation; http://www.Body Modification.ch//; http://wiki.bmezine.com/index.php/Body_modification; http://www.biologie.de/biowiki/Body-Modification): Körpermodifizierung ist die Bezeichnung für eine freiwillig durchgeführte Veränderung des menschlichen Körpers.
Eine weitere, etwas genauere Definition findet sich auf der Britischen Internetseite von Wikipedia (http://en.wikipedia.org/wiki/Body_modification - jedoch leider ohne Hinweise auf literarische Quellen): Body modification ... is the permanent or semi-permanent deliberate altering of the human body for nonmedical reasons.
Darüber, ob das Lackieren der Fingernägel, Haarentfernungen, Bodybuilding oder Schönheitsoperationen ebenfalls als Body Modifications zu bezeichnen sind, kann diskutiert werden. Ebenso, ob es sich bei den Body Modification-Techniken um künstlerische Ausdrucksformen oder mittelalterliche Foltermethoden handelt. Zu den BodMods gehören im engeren Sinne invasive Körperveränderungen wie Piercings, Tattoos, Brandings, Scarifications, aber auch „ausgefallenere“ Veränderungen wie die Spaltung von Körperteilen, Implantate oder gar Amputationen. Diesen Modifications ist gemeinsam, dass sie dauerhaft
oder zumindest „semi-permanent“ sind, was bedeutet, dass eine Wiederherstellung des Ursprungzustandes nur bedingt möglich ist: Chirurgische Eingriffe, Laserbehandlungen u.ä. können nötig werden und kleinere bis grössere Narben oder selbst Gesundheitsschäden werden auch nach Entfernung des BodMods stets davon zeugen, dass man den Körper nach den eigenen Idealvorstellungen gestalten wollte. Die Motive, welche hinter der Umgestaltung stehen, sind dann auch von besonderem Interesse. Wie sich im Verlauf dieser Arbeit zeigen wird, ist es jedoch kaum möglich, diese erschöpfend zu erfassen. Sie sind äusserst facettenreich. Es kann hingegen versucht werden, ein möglichst breites Spektrum
der Gründe aufzuzeigen, wozu in Kapitel 4 neunzehn Motive für Body Modifications vorgestellt werden.

Kapitel 4. Motive
Uns bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, den eigenen Körper zu gestalten. Durch geschickte Kombination verschiedenster Modifikationsformen wird es sogar möglich, ihn bis ins Extreme zu verändern. Doch genauso individuell wie die Wahl der Body Modification ist auch der Grund, weshalb sich jemand ein oder eben mehrere BodMods machen lässt.
Ein 16-jähriges Mädchen z.B. beschrieb ihre Gefühle, nachdem sie sich ihren Bauchnabel hat piercen lassen, wie folgt: „I was terrified, yet in awe (engl. die Ehrfurcht) of what had just been done, I was the master of my temple.“
Und aufgrund dieser für sie völlig neuartigen Erfahrung bezeichnete sie das Piercingstudio als „the place where dreams are implanted“ (http://www.bmezine.com/pierce/05-lips/A50110/lipmygre.html).
Die Träume jedes Einzelnen lassen sich dort auf gänzlich individuelle Art und Weise erfüllen. So wird z.B. das Bauchnabelpiercing bei allen Personen, die sich dafür entscheiden, in seiner Form dasselbe sein, doch können die dahinter liegenden Wünsche, Hoffnungen und Vorstellungen vollständig divergieren.
Aufgrund seiner umfangreichen Internetrecherchen und der Visierung zahlreicher Berichte von modifizierten Personen war es Kasten (2006) möglich, ein breites Spektrum an Motiven zu erfassen, die hinter dem Entscheid für die Modification stehen (oder der Grund sind, weshalb Betroffene noch immer mit ihrem BodMod zufrieden sind). Bei der Beurteilung dieser Motive spielen seiner Meinung nach zwei Aspekte eine sehr wichtige Rolle (ebd., S. 229):
1. Die Psyche: Hier geht es um psychische Gesundheit und psychische Störung. Während im ersten Fall das BodMod zur Verschönerung gewünscht wird, dient es im zweiten Fall der Selbsttherapie und kann dann in Zusammenhang mit Minderwertigkeitsgefühlen, Sensation Seeking oder sogar selbstverletzendem Verhalten stehen (mehr dazu in Kapitel 5).
2. Das Ausmass: Hier geht es sowohl um geringfügige als auch um massive Körperveränderungen. Es sollte dabei genauso zwischen einem kleinen Ohrring und multiplen Intimpiercings wie auch zwischen einem Tattoo am Oberarm und einer Ganzkörpertätowierung, aber auch zwischen mässiger Gewichtsabnahme und Magersucht oder unregelmässigem Fitnesstraining und exzessivem Bodybuilding differenziert werden.

Kastens Zusammenstellung ist nach Meinung der Autorin beeindruckend-umfassend und in seiner Form bislang einzigartig. An dieser Stelle soll eine dieser Arbeit angepasste Darstellung seiner systematischen Sammlung folgen, um einen Einblick in die Sinnhaftigkeit der Körperkunst zu ermöglichen (den eingehender Interessierten sei Erich Kastens Buch „Body-Modifications“ [2006] empfohlen). Die hier diskutierten Motive werden sich anschliessend in dem von der Autorin entworfenen Piercingsurvey (vgl. Anhang 12.3) wiederfinden und nach dessen Auswertung mit den Untersuchungsergebnissen verschiedener anderer Autoren verglichen (vgl. Kapitel 8).

4.1 Attraktivitätssteigerung
Die eigene Schönheit ist ein allgegenwärtiges und uns sehr wichtiges Thema. Dabei fokussieren wir hauptsächlich auf die äussere Erscheinung und nur selten auf die Wesenseigenschaften, obwohl beide zusammen Attraktivität, im Sinne der von einem Objekt ausgehenden Anziehungskraft, als Ganzes ausmachen(http://de.wikipedia.org/wiki/Attraktivit%C3%A4t). In Zeitschriften und Magazinen
finden sich unzählige Tipps und Anleitungen, um möglichst noch attraktiver auszusehen; die Kosmetikindustrie boomt, und es wird, wie in Kapitel 3.4 bereits erwähnt, auch immer häufiger zu wiederholten Schönheitskorrekturen in Form von Operationen gegriffen (in den USA immer öfter auch bei Mädchen unter 18 Jahren (http://www.lukesch.ch/Text98_31.htm). Und alles „nur“, um dem eigenen Bild von Schönheit nachzuhelfen.
Als eigenständiger Forschungszweig der Psychologie etablierte sich „Schönheit“ ab den späten 60er Jahren. Dabei war einer der bedeutendsten Ausgangspunkte die Feststellung, dass die Attraktivität einer Person mit einer Vielzahl positiver Eigenschaftszuweisungen korreliert (Braun, Gründel, Marberger & Scherber, 2001, S. 6). Seither ist „Attraktivität“ zu einem populären Forschungsthema geworden. Besonders Grossbritannien gilt als das Land mit der höchsten Dichte an Attraktivitätsforschern (http://www.schoenheitsformel.de/attraktivitaetsforschung_international.htm). Auch im deutschsprachigen Raum finden sich vermehrt Forscher und Institute, die sich ausführlich mit diesem Thema beschäftigen, so z.B. die Universität Regensburg und ihre Beautycheck-Homepage (http://www.beautycheck.de/ ).
Kasten (2006, S. 229) behauptet, dass heute gutes Aussehen für uns zu einem Grundbedürfnis geworden ist. Was attraktives Aussehen aber ausmacht, ist zum einen gesellschaftlich determiniert und liegt zum anderen im Auge des Betrachters, auch wenn Forscher wie Braun et al. (2001) Merkmale identifizieren konnten, die besonders attraktive Gesichter auszuzeichnen scheinen. Weil wir wissen, dass unser Selbstwertgefühl erheblich steigt, wenn wir uns selbst als attraktiv wahrnehmen und womöglich sogar noch entsprechende Rückmeldungen von der sozialen Umwelt erhalten, verwundert es nicht, dass Menschen stets bemüht sind, ihr Äusseres in Richtung Schönheitsideal zu manipulieren oder eben zu „modifizieren“. Gemäss Feige und Krause, die in ihrem Buch „Piercingintim“ (2004b) zahlreiche Menschen mit Intimpiercings zu Wort kommen liessen, empfinden viele ihr Piercing als eine Verschönerung, selbst wenn es (fast) nie jemand sieht. Kasten (2006, S. 232f.) fand im Internet aber auch den Bericht einer jungen Frau, die Schamlippen prinzipiell als „unschön“ empfindet und sich ihre mit einem Piercing dekorieren liess, um sie damit attraktiver zu machen. Gleichzeitig würde der Schmuck dazu beitragen, dass ihre Sexualpartner sie nicht so schnell vergessen würden: „Anyway, I knew I was going away for a weekend with a group of kids, one of which is a hot and kinky guy I fooled around with over the summer ... I decided to pierce both my labias for that weekend. I also think that labia are, in general, ugly. Why not decorate mine? ... If you're going to have random hook-ups it´s fun to know you'll be remembered ...(http://www.bmezine.com/pierce/10-female/inner/A50110/innselfp.html)
Beides, der Schmuck an sich und das Gefühl der Einzigartigkeit, steigern die (zumindest subjektiv empfundene) Attraktivität ungemein und liefern damit vielen Personen einen wichtigen Grund, sich ein BodMod machen zu lassen.
Items zum Thema „Attraktivitätssteigerung“:
Um meinen Körper zu verschönern * Um einen bestimmten Körperteil aufzuwerten * Um anderen Menschen aufzufallen * Um anderen Menschen in Erinnerung zu bleiben

4.2 Nachahmung und Gruppenzugehörigkeit
Soziale Beeinflussung ist ein beliebtes Forschungsthema, ganz besonders in der Sozialpsychologie: Modellernen, Majoritätseinfluss, Autoritätseinfluss, aber auch die Beeinflussung des Individuums durch Minoritäten wurde in zahlreichen Studien z.B. von Solomon Asch, Stanley Milgram und Serge Moscovici untersucht und der Mensch als ein sozial beeinflussbares Wesen ausgewiesen. Es verwundert demnach nicht, dass Nachahmung sowie das Bedürfnis der Identifikation mit einer bestimmten Gruppe ein Motiv sein kann, sich ein BodMod machen zu lassen. Vorbilder, Filmstars oder Musiker, aber auch Kollegen und Freunde, können einem den Anstoss dazu geben, sich selbst für Körperkunst zu entschei- den. Vielleicht überlegte man aber auch schon lange, sich einen bestimmten Körperteil
verändern zu lassen, und fasste erst den Mut, nachdem sich z.B. die Kollegin dazu durchgerungen hat. Simone, Cat, und Frank berichten:
Simone: „Ich wollte schon sehr lange ein Brustwarzenpiercing, aber irgendwie hatte ich Angst davor, dass etwas dabei „kaputt gehen“ könnte, und ausserdem wusste ich auch nicht, wo man sich so was machen lässt. Zufällig traf ich dann eine Kollegin von früher, und irgendwie kamen wir auf das Thema: Sie hatte
sich soeben ein Brustwarzenpiercing machen lassen. Wir redeten darüber, ich war nervös. Und als sie mir sagte, dass die Schmerzen erträglich seien, alles tipp top verlief und sie ein gutes sauberes Studio mit einem netten Piercer kenne, war es für mich klar: Ich lass mir auch eines machen.“ (Persönliche Mitteilung, Simone, 09. April 2007)
Cat: Das Bauchnabelpiercing war das Erste, ich war vierzehn. Piercings waren damals stark im Aufkommen. Sonja [die beste Freundin; Anm. d. Verf.], hatte zuerst eins und ich empfand‟s als mega cool. Ich wollte auch eine der ersten sein, mich von anderen abheben, cool sein. Einige Tage später gingen wir dann zusammen ins Studio, und ich liess mir auch eins machen“ (Persönliche Mitteilung, Cat, 09. April 2007)
Frank: „I had never thought about a scarification till I saw my friend Alison come back from San Francisco with a healed cutting. It was beautiful ...“ /http://www.bmezine.com/scar/A61122/scrtheki.html)
Items zum Thema „Nachahmung und Gruppenzugehörigkeit“:
Mein Vorbild / Idol / jemand aus meinem Freundeskreis hat mich auf die Idee gebracht mich piercen zu lassen.
Motive: Um meinem Vorbild/Idol ähnlich zu sein. * Um jemandem aus meinem Freundeskreis ähnlich zu sein. * Um ein Mitglied meiner Gruppe zu sein.
aus.

4.3 Unabhängigkeit und Erwachsenwerden
Kinder und Jugendliche möchten so früh wie möglich wie Erwachsene behandelt werden. Seit den 50er/60er Jahren beginnen Jugendliche als Ausdruck ihres Wunsches, erwachsen zu sein, oder zumindest zu wirken, immer früher zu rauchen und Mädchen sich zu schminken. Auch Body Modifications fungieren als „Unabhängigkeitserklärung“: Sich (alleine) dem Schmerz zu stellen, selbst über den Körper bestimmen zu können, dient, analog einem Übergangsritual, der Demonstration des Erwachsenseins bzw. -werdens. Sarnecki (2001; zit. nach Stirn, 2003d, S. 30) ist der Überzeugung, dass die Körperkunst besonders heute
einen Weg darstellt, sich ein eigenes Übergangsritual zu schaffen für etwas, das unsere Gesellschaft für Jugendliche nicht (mehr) bereit hält (mehr zum Thema Initiation in Kapitel 2.4.1). Zur Veranschaulichung sei an dieser Stelle der Erfahrungsbericht einer Frau mit dem Pseudonym Lordhumongous bei BME wiedergegeben:
„Almost immediately, I realized that I really wanted to get this piercing done by myself. I moved out of my parents house a few months ago, and getting the piercing without friends present just seemed to sort of symbolize my independence. That, and I may have been testing myself, I'm not sure. Perhaps I was just
seeing if I had the balls to get something scary done without backing out.“ (http://www.bmezine.com/pierce/10-female/hood/A50110/hodmycli.html)
Items zum Thema „Unabhängigkeit und Erwachsenwerden“:
Um mich unabhängig zu fühlen. * Um mich erwachsen zu fühlen.
(Das Piercing gibt mir ein Gefühl von Unabhängigkeit. * Das Piercing gibt mir das Gefühl erwachsen zu sein.)

4.4 Identität / Individualität
Wie in Kapitel 2 und 3 zu lesen war, dienten Körpermodifikationen im Laufe der Ge-
schichte häufig der Identitätsgenerierung: Stammeszugehörigkeit, Status, aber auch kriminelles Fehlverhalten wurde unauslöschlich in die Haut gebrannt, gestochen oder gemalt. Körpermodifikationen dienten in gewissem Sinne als Personalausweis. Ein berühmtes historisches Beispiel dazu liefert das Logbuch des englischen Kapitäns William Bligh (1754 - 1817): Zurück in London war es ihm nach der Meuterei auf der Bounty möglich, die Meuterer dank seinen minutiös geführten Aufzeichnungen anhand ihrer Gestalt, dem Alter, ihrer Augenfarbe, aber vor allem auch ihrer in Tahiti angefertigten Tätowierungen genau zu beschreiben (Feige & Krause, 2004a, S. 34f.).
Da die meisten Body Modifications das Aussehen des Körpers für immer verändern, wird das BodMod zu einem Teil von einem selbst. Es verändert die Identität, lässt sie neu entstehen, verleiht ihr Ausdruck und gemäss Michael von BME „it is a definite way to define who you are“ (http://www.bmezine.com/pierce/02-tongue/A50127/tngblack.html). Gewisse Menschen berichten sogar, dass es sie auf eine beinahe spirituelle Weise „ganz“ machen konnte (Stirn, 2003d, S. 30). Ein Piercer erzählt dazu:
„Die Anbringung von Körperschmuck bedeutet für den Träger durchaus auch ein Weiterkommen, eine Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit. Das gilt auch für mich. Mit jeder Neuanbringung fühle ich mich kompletter, komme meinem Ziel näher (Feige & Krause, 2004b, S. 255).
Body Modifications vermögen demnach in gewisser Art und Weise Identität und Individualität zu generieren, zu unterstreichen und in den Augen der Modifizierten teilweise regelrecht zu betonen. Dazu wünscht man sich etwas, das einem von der breiten Masse abhebt, etwas, das einzigartig ist und einzigartig macht:
„Ich wollte etwas Einzigartiges haben und liess mir ein Bauchnabelpiercing machen. Als dann einige Jahre später so viele junge Mädchen damit rumliefen, habe ich es wieder rausgenommen. Daraufhin liess ich mir meine Brüste piercen.“ (Persönliche Mitteilung, Larulia, 07. April 2007)
„Die Zunge liess ich mir völlig spontan piercen, auf der Studienreise in Amsterdam, als wir an einem Piercingstudio vorbei kamen. Gefallen hat's mir aber vorher schon. Wahrscheinlich wurde ich auch durch den Nebeneffekt ´mich abheben von den anderen, mich mutig zeigen, meine Kollegen durch mein Verhalten
überraschen´ angestachelt.“ (Persönliche Mitteilung, Cat, 09. April 2007)
Items zum Thema „Identität, Individualität“:
Ich möchte speziell / einzigartig sein.
(Um meine Individualität zu unterstreichen. * Um mich „ganz“ zu fühlen. * Um mich in gewissem Sinn „neu“ zu fühlen.

4.5 Sensation Seeking und Neugier
Gemäss Zuckermann (1994, S. 27) versteht man unter Sensation Seeking die aktive Suche nach verschiedenartigen, neuen, intensiven und komplexen (Sinnes-)Erfahrungen und die Bereitschaft, dafür physische, soziale, rechtliche und finanzielle Risiken in Kauf zu nehmen. Genauso wie Bungeejumping, mit dem Auto rasen, Drogen ausprobieren, auf fahrende Züge aufspringen oder auf dem Autodach zu surfen, erlauben auch Body Modifications, verschiedene und neuartige Erfahrungen zu machen und das Erregungsniveau zu steigern,
was wiederum von manchen als sehr angenehm empfunden wird. Demnach können BodMods den Drang nach Sensation Seeking befriedigen und Ausdruck von Experimentierfreude, Neugier, aber gleichzeitig auch Risikoverhalten sein. Ein Grund für die immer stärkeren Bedürfnisse der Jugendlichen nach immer noch intensiveren Erfahrungen erklärt sich Stirn (2003b, S. 10f.) mit den verminderten körperlichen Herausforderungen in der westlichen Zivilisation und der gleichzeitigen „Überbetonung der Körperlichkeit“. Oder wie Hell (2003, S. 26) sagt, steht „der virtuellen und empfindungslosen Technik ... ein Hunger nach intensiven Erfahrungen gegenüber“. In einer Gesellschaft, in der Risiken und Gefahren auf ein Minimum reduziert werden und dem Menschen ein Bild der unbegrenzten (technischen, medizinischen usw.) Möglichkeiten vermittelt wird, benutzt das Indivi-
duum den Körper, um seinen Erlebnishunger zu stillen und die eigenen physischen (und psychischen) Grenzen im Extremen zu erforschen.
Items zum Thema „Sensation Seeking und Neugier“:
Um eine neue, extreme Erfahrung zu machen. * Um an meine Grenzen zu gehen.
Um einen „Kick“ zu bekommen. * Um neuartige Empfindungen (während und nach dem Stechen) zu erleben. / Das Piercing eröffnet mir ein Spektrum an neuartigen Empfindungen.

4.6 Protest, Rebellion
Als augenscheinlichstes Motiv für ein BodMod gilt der Ausdruck von Rebellion und Protest. Freiwillig die Unversehrtheit des Körpers zu opfern, stösst beim grössten Teil der Bevölkerung auf Unverständnis und wird als gesellschaftliche Provokation aufgefasst (gleichgültig ob dies auch tatsächlich die Absicht des Modifizierten war oder nicht). Der Wunsch, andere zu schockieren, Wut oder Unverständnis gegenüber der konventionellen Gesellschaft auszudrücken, kann (muss aber nicht) heute, wie damals bei den Punks der 70er Jahre, dazu führen, sich modifizieren zu lassen. Ein Piercer schreibt:
„Da habe ich mich tätowiert und gepierct, um mich abzuheben, die Leute herauszufordern, die braven Leute zu schockieren. Normal war langweilig. Je mehr Leute reagierten, umso besser. Ich machte, was ich wollte.“ (Feige & Krause, 2004b, S. 250).
Besondere Protestwirkung zeigen Aktionen von Menschen, welche sich ihre Augen oder ihren Mund zunähen, um auf spezifische, als ungerecht empfundene Situationen aufmerksam zu machen: Z.B. hatten sich in Dornach 2004 zwei irakische Asylsuchende Augen und Mund zugenäht, um damit gegen ihre Lebensbedingungen zu protestieren (http://www.polizei.so.ch/meldung/m4749.htm), oder der iranisch-kurdische Dichter Abbas Amini hatte sich im Jahr 2003 elf Tage lang Augen, Mund und Ohren zugenäht, weil Grossbritannien ihn ausweisen wollte (http://www.zahlenwelt.net/p.cfm?s=3&pf=1&lan=1). Zöllner weiss, dass sich
dieses Verhalten häufig auch bei Asylanten in der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich finden lässt, die damit auf den Schweregrad und die Ernsthaftigkeit ihres seelischen Zustandes aufmerksam machen wollen (Persönliche Mitteilung, Dr. H.-M. Zöllner, Leitender Psychologe, Psychiatrische Universitätsklinik, Zürich, 02. April 2007). Als BodMod im herkömmlichen Sinn sind solche Aktionen freilich nicht zu verstehen.
Selbstverständlich wird es mit zunehmender Popularität von BodMods auch immer
schwieriger, schockierende Formen der Körperveränderung zu präsentieren. Die gutbürgerliche Gesellschaft wird regelrecht desensibilisiert. Aber die Fantasie beflügelt die Menschen stets weiter, und auf Internetseiten wie www.bmezine.com kann man sich vergewissern, dass die Kreativität noch lange nicht erschöpft ist. Eyeball Implants, Zungen- oder gar Eicheltattoos, aber besonders auch Amputationen und Spaltungen verfehlen ihre Schockwirkung (noch) nicht.
Items zum Thema „Protest und Rebellion“:
Um zu schockieren, die „braven“ Leute herauszufordern.

4.7 Einen Lebensabschnitt mit positivem / negativem Hintergrund markieren.
Genauso wie uns ein Stofftier, ein Kleidungsstück oder ein Lied an ganz bestimmte Lebensereignisse erinnern kann, vermögen auch Body Modifications gewisse Menschen symbolisch an ein Erlebnis zu erinnern. Gemäss Stirn, Decker und Brähler (2003, S. 5) wurde der Körper „zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften der Welt“ zur physischen Kommemoration von Lebensabschnitten benutzt und „als Medium der Verständigung über und Darstellung von besonderen Momenten des Lebens eingesetzt“. Diese besonderen Momente können sowohl positive (z.B. Partnerschaft, das Bestehen einer Prüfung etc.) als auch negative Kontexte haben (z.B. Trennung, Verlust, Misserfolg oder sogar traumatische Erlebnisse etc.). Ein Mann mit dem Pseudonym ntmid8rjr nahm z.B. die Scheidung von
seiner Frau zum Anlass, sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen:
„My wife recently told me she wanted a divorce. After four weeks of denial I received the divorce papers in the mail. The very day I received this I knew what I had to do. I was going to declare my independence by getting the Apadravya (and possibly the Ampallang) I had been obsessing over (http://www.bmezine.com/pierce/09-male/apa/A60524/apaigott.html).
Besondere Ereignisse, wie den Übergang eines Lebensabschnitts in den nächsten mit Körpermodifikationen zu kommemorieren, ist im Hinblick auf die Geschichte der Menschheit eines der wohl ältesten Motive für Body Modifications überhaupt (vgl. Kapitel 2.4 und 3).
Items zum Thema „Kommemoration eines Lebensabschnitts“:
Um einen Lebensabschnitt mit negativem oder positivem Hintergrund festzuhalten.
(Mein Piercing erinnert mich an eine ganz bestimmte positive / negative Lebenssituation.)

4.8 Den Körper kennenlernen, Köperkontrolle
Body Modifications können es einem ermöglichen, mehr über sich und seinen Körper zu erfahren: wo liegt die Schmerzgrenze, wie viel hält der Körper aus, wie reagiert er auf dies oder das, welche Empfindungen sind möglich etc.. Das Individuum kann das eigene Selbst durch Body Modifications häufig besser wahrnehmen und damit auch besser kontrollieren (Kasten, 2006, S. 242). Besonders eine Veränderung des Gewichts bzw. massiver Gewichtsverlust bietet die Möglichkeit, Selbstbeherrschung gegenüber dem Essen zu üben. Hunger ist dabei eine Möglichkeit, sich selbst die völlige Kontrolle über den eigenen Kör-
per zu beweisen (ebd.). Aber auch andere Formen von Body Modifications wie Tattoos oder (Play-)Piercings können den Körper intensiv erlebbar machen und ein Gefühl der Selbstbeherrschung vermitteln. Die Kontrolle kann dabei soweit gehen, dass man den Körper regelrecht gefügig macht und ihn, ähnlich einer mittelalterlichen Brandmarkung, zeichnet, um zu demonstrieren: er gehört mir, ich kann damit machen, was ich will (wobei hier eine gewisse Nähe zur Selbstbestrafung oder -zerstörung auffällt; vgl. Kapitel 4.19).
Das BodMod sagt über den Körper aber nicht nur: „Er gehört mir, ich kann mit ihm ma-chen, was ich will“, sondern auch in einem possessiveren Sinn: „Du gehörst mir, du kannst nicht mehr weg“. Ähnlich einem Partner, den man zwingen möchte, bei einem zu bleiben, weil man doch weiss, was das Beste für ihn ist, wird dem Körper gezeigt, du gehörst nun zu mir, ich habe dich geschaffen, du wirst immer mir gehören. Während es im ersten Fall mehr darum geht, aggressiv-demonstrativ Macht und Kontrolle über den eigenen Körper zu bekunden, steht im zweiten Fall das ihm unwiderruflich „Seinen-Stempel-Aufdrücken“ im Zentrum: Kontrolle im Sinn von Besitzmarkierung.
Items zum Thema „Körper kennen lernen und Körperkontrolle“:
Um meinen Körper und seine Empfindungen besser kennen zu lernen, um ihn unter Kontrolle zu haben.

4.9 Feminität / Maskulinität unterstreichen
BodMods können nicht nur die (zumindest subjektiv) empfundene Attraktivität steigern, sie können darüber hinaus dazu beitragen, sich noch femininer oder noch maskuliner zu fühlen (Gurin & Townsend, 1986; Butler, 1990; zit. nach Kasten, 2006, S. 243). Dies ist besonders bei Intimpiercings der Fall. Der Genitalbereich oder auch die Brüste werden mit funkelndem und kunstvollem Schmuck verziert, und man wird sich der eigenen Sexualität wieder vermehrt bewusst, mitunter, weil solche Piercings für den Träger stets spürbar sind. Gewissen Frauen ermöglicht sogar erst ein Intimpiercing, Orgasmen zu haben. Damit steigert sich das Erleben der eigenen Weiblichkeit ganz besonders (Ferguson, 1999, S. 1627; Miller & Edenholm, 1999, S. 837).
Items zum Thema „Feminität / Maskulinität“:
Um meine Feminität / meine Maskulinität zu unterstreichen.

4.10 Liebe und Liebeskummer
Dass sich Menschen aus Liebe zueinander gegenseitig den Namen des Partners tätowieren lassen, liegt nicht mehr nur bei Hollywoodstars im Trend, auch wenn man sich u.U. später von einem Partner leichter trennt als von seinem Tattoo. BodMods kann man sich aber nicht nur machen, um dem Partner die Liebe zu beweisen, man möchte ihm vielleicht auch besonders gut gefallen oder ihm sexuell etwas Neues bieten. Beckolyn schreibt im Internet über ihre Motivation, sich ihre Brustwarzen piercen zu lassen, folgendes:
„Getting my nipples pierced was not only a way to increase my pleasure (once they heal) or allow a way for him to "torture" me (consensually), but gave me a way to display my love and devotion to him and that I was willing to modify my body for him, blew him away and deepened our bond as partners.“ (http://www.bmezine.com/pierce/08-nipple/A50127/nippainw.html)
Bei Andy war es die Freundin, die ihn dazu ermunterte, sich ein Brustwarzenpiercing zu machen:
„Meine Freundin hat viel über Piercings geredet und Brustwarzenpiercings bei Männern fand sie absolut anturnend. Ich selbst hatte früher schon mal über so was nachgedacht, aber nun war der Zeitpunkt gekommen. Schlimmstenfalls kann ich´s ja wieder rausnehmen, dachte ich mir. Meine Freundin fands dann einfach nur absolut geil und heute, auch wenn ich nun nicht mehr mit ihr zusammen bin, bereue ich meinen Entscheid keine Sekunde. Besonders zu merken, dass meine Partnerinnen das Piercing erregend finden, macht mich gewaltig an.“ (Persönliche Mitteilung, 15. April 2007)
Während für einige Menschen BodMods die Beziehung zum Partner festigen oder zumindest symbolisieren, können sie für andere das Gegenteil bedeuten: Statt Liebesfreud, Liebesleid. Körperveränderungen können dann dazu beitragen, über eine Trennung hinwegzukommen oder mit einer Beziehung abzuschliessen (auch im Sinne der Markierung eines neuen Lebensabschnitts [vgl. Kapitel 4.7] oder gar als eine Form der Selbsttherapie [vgl. Kapitel 4.18]). Nach Liebeskummer will man sich vom (Ex-) Partner lossagen und mit Body Modifications wieder die Kontrolle über den eigenen Körper und damit das eigene Leben zurück gewinnen. Eine geringfügige Modifikation kann es sein, die Frisur zu verändern (was sehr viele Frauen nach einem Beziehungsende tun); eine weitreichende dagegen, sich ein Piercing, Tattoo etc. machen zu lassen, oder sich gar für die Amputation von Körpergliedern zu entscheiden, wie dies z.B. Volksgruppen in Papua-Neuguinea tun, um verstorbener Angehöriger zu gedenken (Stirn, 2003b, S. 11).
Items zum Thema „Liebeskummer“:
Um meinem Partner meine Liebe zu demonstrieren. * Um meinem Partner etwas Neues zu bieten. * Um die Zusammengehörigkeit von meinem Partner und mir zu symbolisieren. * Aus Liebeskummer.

4.11 Steigerung der Hautsensibilität
Obwohl BodMods Hautgewebe schädigen, können sie die Sensibilität an gewissen Körperstellen erhöhen. Vor allem Genital- und Brustwarzenpiercings gelten als besonders „luststeigernd“. Sie können (bei sich selbst und / oder beim Sexualpartner) äusserst stimulierend wirken, die Orgasmusfähigkeit verbessern (Miller et al., 1999, S. 837) oder im Falle von Klitorispiercings angeblich sogar spontane Orgasmen auslösen (http://www.wildcat.de/index.php?view=0c-articleshow&id=3796&cat=1). Aber auch Narben werden von gewissen Personen als sehr sensibel oder z.T. „wetterfühlig“ beschrieben. (http://narbentherapie.com/mnt-fragen.php) Von Selbstverletzern und Personen mit Cuttings wird die Haut häufig auch als „lebendiger“ wahrgenommen (Kasten, 2006, S. 245).
Es sollte bei Body Modifications dennoch nicht vergessen werden, dass durch die Schädigung des Gewebes oder durch nachfolgende Infektionen die Sensibilität in der betreffenden Körperstelle auch verloren gehen kann. Vor allem Piercings direkt durch die Klitoris oder die Peniseichel können das Gewebe und die Nerven beschädigen (http://www.antares-piercing.de/frau.php;http://www.antares-piercing.de/mann.php) oder längerfristig zur Desensibilisierung und unangenehmer Überreizung führen. (http://www.antares-piercing.de/frau.php) Berichte darüber finden sich im Internet aber nur vereinzelt. Ob tatsächlich eine Empfindungssteigerung der Normalfall ist, oder ob negative Erlebnisse nur vielmehr ausgeblendet werden, kann nicht beurteilt werden. Einer der seltenen Problemberichte bei BME stammt von einer Frau mit dem Namen Stumbleine. Sie schreibt über ihre Erfahrung mit einem Handweb Piercing und darüber, wie sich das Gewebe zwischen ihren Fingern verändert hatte:
„I began to lose more skin around the Piercing, the jewelry got more exposed and was prone to getting caught on things. I started to worry that the next time it got caught on something, it would result in it be- ing ripped out ... The pierced hole healed rather quickly soon after the jewelry removal. The web of my hand however, has been permanently affected in such a way that it feels tighter to stretch my fingers apart. I tried massaging it and pulling the two fingers apart, but inevitably that area will stay that way ...“ (http://www.bmezine.com/pierce/11-surface/A70411/srfthese.html).
Items zum Thema „Sensibilitätssteigerung“:
Um die Sensibilität dieser Körperstelle zu erhöhen.

4.12 Sexuelle Motive (Fetischismus, Exhibitionismus, Sadomasochismus)
Vatsyayana, der Verfasser des Kamasutras berichtet: „Die Bewohner des Südens, in Dakkan, behaupten, dass es keine Lust oder wirkliche Befriedigung geben kann, wenn der Penis nicht perforiert ist“ (Zbinden, 1998, S. 47). Der sogenannte Apadravya soll „apathischen Menschen oder denjenigen, die sehr lange brauchen, bevor sie sexuelle Erregung spüren, die alt oder von zu viel Sex ermüdet sind“, helfen, wieder ein befriedigendes Sexualleben zu führen (ebd.; Bürger, 2007, ohne Seitenangabe). Eine Abstumpfung des Sexualtriebs lässt sich auch in der heutigen westlichen Gesellschaft beobachten (Kasten, 2006, S. 247). Man denke an die unzähligen Softpornos und Erotikinserate im TV, an das Angebot von immer freizügigerer Reizwäsche in Versandhauskatalogen oder an die vielen Erotikstores, die es ermöglichen, unkompliziert alle erdenklichen Arten von pornographischen Artikeln zu konsumieren. Um den Sexualtrieb aufrecht zu erhalten und trotz Desensibilisierung immer noch Lust zu verspüren, werden immerzu drastischere Methoden der Stimulierung benötigt. Unter anderem können auch BodyModifications zur Luststeigerung beitragen. Dabei sind der Fantasie-hinsichtlich der persönlichen Vorlieben keine Grenzen gesetzt. (Play-) Piercings, Cuttings, Suspensions, Harnröhrenspaltungen oder gar Amputationen stehen im Dienst der Erotik, ob als Schmuck, als erotischer Appetizer oder als zentrales Element. Es bleibt Kasten (2006, S. 246) beizupflichten, wenn er sagt, „gerade bei
genitalen Piercings oder Tattoos im Intimbereich überschneiden sich Kunst und Sexualität mit Pornographie und Perversion“. Feige und Krause (2004b) interviewten für ihr Buch „Piercing intim“, wie bereits erwähnt, zahlreiche Personen mit Intimpiercings. Diese erzählen über sich und ihre Beweggründe, Neigungen und Erfahrungen. Eine Frau soll hier zitiert werden:
„Wochen später wusste ich aber ganz genau: Es hat sich gelohnt! Die Kugel von meinem Vorhautpiercing sitzt genau auf meiner Klitoris. Nicht nur bei der Masturbation ist das von Vorteil, auch beim Treppensteigen reibt die Kugel auf meiner Klitoris“ (Feige & Krause, 2004b; zit. nach Kasten, 2006, S. 246).
Die sexuelle Stimulierung muss aber nicht primär auf den eigenen Orgasmus oder den des Partners abzielen. Eine junge Frau mit Triangle berichtet:
„Das Piercing in meinem Intimbereich empfinde ich als besonders ästhetisch. Die sexuelle Stimulierung war für mich nebensächlich, das war auch der Grund, weshalb ich mir nicht die Klitorisvorhaut oder die Klitoris selbst habe piercen lassen. Da war ich vorsichtig. Ich empfinde mein Piercing als ein ganz besonderes ´Spielzeug´, es bereichert unser Sexualleben eigentlich nicht primär im Hinblick auf meinen Orgasmus, sondern mein Partner findet es sehr erregend, damit zu spielen, und wir geniessen die Möglichkeiten, die es uns bietet.“ (Persönliche Mittelung, Suemi, 08. April 2007)
Wird der Genitalschmuck immer extremer, kann die Schwelle der sexuellen Luststeigerung aber auch überschritten werden, indem Geschlechtsverkehr erschwert oder gar verhindert wird. Wie bereits erwähnt, können Desensibilisierung und Überreizung zum Problem werden: aus ursprünglich ästhetischen Gründen liess sich eine 30-jährige Frau beide Brustwarzen piercen. Die Luststeigerung war dabei ein vorerst willkommener Nebeneffekt:
„Die Piercings steigerten meine sexuellen Empfindungen enorm, aber meine Brüste wurden richtiggehend übersensibel. Sie wurden ständig gereizt, im Alltag, bei der Arbeit, das ging so nicht weiter, ich musste die Piercings wieder rausnehmen.“ (Persönliche Mitteilung, Larulia, 07. April 2007)
Wird das Intimpiercing (oder sonstige BodMod) als Luststeigerung erlebt, kann es das Sexualleben auf verschiedene Weise bereichern. Es kann u.a. masochistische, sadistische, fetischistische oder exhibitionistische Vorlieben befriedigen; es kann zum „Spielen“ ermuntern; es kann das Selbst- bzw. Körperbewusstsein stärken, was sich wiederum positiv auf das Sexualleben auswirkt, oder es kann auch „nur“ das Gefühl geben, dass (besonders
bei promiskem Sexualverhalten) der Partner einem aufgrund des Intimschmucks nicht so schnell vergessen wird. In Bezug auf Exhibitionismus schreibt eine junge Frau: „Ich mag den Anblick meiner gepiercten Brustwarze, wenn der Schmuck diskret und doch unübersehbar funkelt. Auch wenn ich eigentlich niemandem freimütig von meinem „kleinen Geheimnis“ erzähle, so geniesse ich es doch, ihn in der Sauna oder in der Badeanstalt zu präsentieren (auch unter dem Bikini ist das Piercing deutlich sichtbar). Ich weiss, dass meine Freunde es wissen, aber mich nicht darauf ansprechen, es ist nicht ihre Welt. Trotzdem gefällt mir der Gedanke, ohne reden zu müssen, vor allem meinen Kollegen zu zeigen, ich habe etwas, das völlig anders ist, als was ihr von euren Freundinnen her kennt, und den anderen Mädchen zeige ich: ich bin stärker als ihr.“ (Persönliche Mitteilung, Simone, 08. April 2007)
Items zum Thema „Sexualität“:
Ich möchte ein aussergewöhnlicher, unvergesslicher Sexualpartner sein. * Mein Piercing ist sexuell / fetischistisch / exhibitionistisch / sadomasochistisch motiviert.
Um generell meine / die Lust meiner Sexualpartner zu steigern. * Um ein aussergewöhnlicher, unvergesslicher Sexualpartner zu sein.

4.13 Religiöse Motive
Im Alten Testament (Leviticus, 19:28) ist zu lesen: Ihr sollt keine Male um eines Toten willen in euren Leib reissen, noch Buchstaben an euch ätzen, denn ich bin der Herr. In Kapitel 2 konnte gezeigt werden, dass sich auch die Christen tätowierten, um ihre religiöse Zusammengehörigkeit zu demonstrieren. Gemäss Feige und Krause (2004a, S. 212) sind religiöse Tattoo-Motive gegenwärtig en vogue, vor allem Jesus und Marienbilder symbolisieren wie keine anderen Motive Liebe und Schmerz, die „beiden grössten aller Emotionen“ (ebd.).
Das Christentum ist nicht die einzige Religion, bei der die kunstvolle Verzierung der Haut bedeutungsvoll ist. Der Glaube ist in zahlreichen Kulturen ein Motiv für Körperveränderungen. Die Modification kann als magisches Ritual verstanden werden, kann böse Geister fernhalten oder Götter wohlgesonnen stimmen etc.. Nahezu jeder Kulturkreis kennt verschiedene Formen von Körperveränderungen als besondere Zeichen der Gläubigkeit (ebd.).
Wie in Kapitel 5 zu lesen sein wird, spielen religiös motivierte Body Modifications, ganz besonders Amputationen, auch eine Rolle bei psychischen Erkrankungen. Die Betroffenen möchten sich bestrafen, den eigenen Körper opfern oder das Ertragen von Schmerzen demonstrieren. Besonders oft orientieren sie sich am Markus-Evangelium 9:43 (NT) und handeln dementsprechend: Wenn aber deine Hand dir zum Ärgernis wird, so haue sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt einzuge-
hen ins ewige Leben, als mit zwei Händen hinab zu fahren in die Hölle, in das nie erlöschende Feuer.
Items zum Thema „Religiosität“:
Mein Piercing ist religiös motiviert. * Mein Piercing verbindet mich mit dem Göttlichen.

4.14 Spirituelle Motive (Grenzerfahrung und Bewusstseinserweiterung)
Viele Menschen sind besonders in der heutigen Zeit auf der ständigen Suche, ihr Bewusstsein zu erweitern und spirituelle Erfahrungen zu machen, die es ihnen ermöglichen, ihren Geist und die Natur des Lebens zu ergründen. Body Modifications helfen ihnen dabei, davon ist ganz besonders Fakir Musafar überzeugt (Feige & Krause, 2004a, S. 83). Vor allem Suspensions ermöglichen den Betroffenen ihr Bewusstsein zu erweitern. So sagt z.B. ein junger Mann, er habe sich eins mit der Natur gefühlt und einen Zustand des inneren Friedens erreicht (Kasten, 2006, S. 256). Andere berichten von einer verschärften Wahrnehmung ihrer Sinne oder einem Verschwinden des Zeitgefühls. Wieder Andere fanden
einfach „nur“ Stille (ebd., S. 257). Offenbar kann es ein Übermass an Schmerzen möglich machen, den Bewusstseinszustand zu verändern oder in eine Art Trance zu fallen. Besonders treffend hat das Verhältnis von Schmerz und Erleuchtung ein gewisser Starcore (http://www.ambient.ca/bodmod/mutilate.html) im Internet beschrieben:
„Body piercing and Tattooing are sacred rituals ... Any spiritual quest demands sacrifice if it is to have meaning. The pain of a piercing or a tattoo is the path for transformation. If it didn't hurt and wasn't difficult it wouldn't mean anything.“ [Hervorhebung v. Verf.].
Ralf und Roland vom Body Modification-Studio Visavajara in Freiburg (D) führen drei bis sechs Mal im Jahre Performances durch (u.a. in der Schweiz und in Frankreich), bei denen es ihnen darum geht, auf kreative Weise zu zeigen, was mit dem eigenen Körper alles möglich ist, bzw. was Konzentration auszurichten vermag. Dabei setzen sie Play-Piercings (z.B. Backenspiesse und Kronen), zeigen verschiedene Formen von Suspensions und geben Einblick in die faszinierende Welt der Grenzerfahrungen. Es ist ihnen besonders wichtig, nicht als „Freakshow“ verstanden zu werden, sondern als Körperkünstler, die sich mit Schmuck und dem Körper auseinandersetzen und besonders mit dessen Schmerzempfinden und Regenerationsfähigkeit. Die Ästhetik ihrer Performance liegt ihnen besonders am Herzen.
Den Grund, weshalb so viele Menschen versuchen, mittels Body Modifications Grenzerfahrungen zu machen, sieht Mercury (2003, S. 87) in der Tatsache, dass sich die moderne Gesellschaft immer mehr auf mentale Konzentration und Scharfsinnigkeit verlässt, aber keine Verbindungen zur nonmechanischen, sensorischen Welt zulässt und die körperlichen Sinne immer mehr unterdrückt. BodMods können mentale Funktionen und physische Sinneswahrnehmungen wieder zusammenführen und erfüllen damit den Wunsch Vieler, mittels extremer physischer Stimulation eine sensorische Schwelle zu überschreiten und neue
Dimensionen des Bewusstseins, vielleicht sogar das Seelische selbst, zu erforschen (vgl. Kapitel 8.8.14).
Items zum Thema „Spiritualität, Grenzerfahrungen und Bewusstseinserweiterung“:
Um mein Bewusstsein zu erweitern. * Um spirituelle Grenzerfahrungen zu machen.

4.15 Kunst
Wer hat als Kind nicht mit Filzstiften auf den Handrücken gemalt? Unsere Haut bietet sich geradezu dafür an, dass wir uns auf ihr als Künstler kreativ ausleben. Viele der heutigen Body Modifications haben einen hohen, wenn zweifellos z.T. auch einen schockierenden, künstlerischen Wert . Genauso wie andere Formen der Kunst üben BodMods auf den Betrachter eine Faszination aus oder evozieren Ablehnung. Und so lässt sich über Körperkunst genauso streiten wie über Bilder von Salvador Dali oder die Musik von Marilyn Manson.
In zahlreichen Buchläden ist es heute ohne weiteres möglich, qualitativ hochwertige Fotobände zu finden, die Körperkunst präsentieren (hauptsächlich Tattoos und Piercings). Auch unter den BodMod-Artists gibt es regelrechte Künstler und „Stars“. So spricht man bei Tätowierern, die sich in ihren Werken durch eine ungewöhnlich hohe Qualität und Sauberkeit auszeichnen, von „Meisterstechern“ (Feige & Krause, 2004a, S. 174). Diese geniessen Star-Status. Sie sind vielgeladene Gäste an Conventions und häufig interviewte Persönlichkeiten. Ein Tattoo-Motiv von einem Meisterstecher gemacht zu bekommen, gilt als besonders prestigeträchtig (ebd.).
Der kreative, künstlerische Aspekt kann für viele Modifizierte das Motiv sein, den eigenen Körper umzugestalten: Eine junge Frau, der nach eigener Aussage Piercings schon immer gefallen haben und die zur Zeit ein Labret- und ein Zungenpiercing trägt, sieht ihren Körper als ein Kunstwerk: „Piercings erlauben mir, immer wieder anders auszusehen, meinen Körper ständig zu verändern. Ich kann mir neue Piercings machen lassen oder alte entfernen, und dabei gefällt es mir, mich immer wieder neu zu gestalten“ (Persönliche Mitteilung, Elian, 07. April 2007). Ein Piercer schreibt, dass genau dies seine Aufgabe sei: „Unser Job ist es, den Menschen bei der Gestaltung ihres Körpers behilflich zu sein.“ (Feige &
Krause, 2004b, S. 255).
Items zum Thema „Kunst“:
Um meinen Körper künstlerisch zu gestalten. * Meine Haut ist meine Leinwand, ich kann meinen Körper mit den Piercings immer wieder künstlerisch (um-) gestalten.

4.16 Derealisation / Depersonalisation
Bei der Derealisation erscheinen dem Betroffenen Personen, Gegenstände oder die Umgebung unwirklich, fremdartig oder räumlich verändert. Dadurch wirkt die Umwelt unvertraut, sonderbar und mitunter gespenstisch (AMDP, 2000, S. 110). Die Depersonalisation hingegen ist eine Störung des Einheitserlebens der Person im Moment oder der Identität im Lebensverlauf (ebd., S. 111). Die Person kommt sich selbst fremd, unwirklich, verändert, kurz „wie ein anderer“ vor (ebd.). Beide Symptome können durch Intoxikation, bei Psychosen, Schizophrenie oder anderen psychischen Störungen, wie schwerer Depression, aber teils auch beim Anfertigen einer Körpermodifizierung auftreten. Die Empfindungen werden dann von Betroffenen häufig als spirituelle Erfahrung beschrieben (Kasten, 2006, S. 265). Depersonalisation steht darüber hinaus oftmals mit Sich-Selber-Schneiden in Zusammenhang: für Menschen, die sich selbst verletzen, können u.U. auch BodMods diesen Zustand des Fremderlebens beenden. Der Schmerz hilft den Betroffenen, wieder zu sich selbst und zurück in die Realität zu finden (mehr dazu in Kapitel 5 und 5.3).
Items zum Thema „Derealisation/Depersonalisation“:
Um wieder in die Realität (zurück-) zu finden. * Um Spannungszustände zu reduzieren. * Um mich selbst wieder zu spüren.

4.17 Dysmorphophobie
Die körperdysmorphe Störung ist, mit einer Punktprävalenz von 0.7% - 5% in der Normalbevölkerung, eine relativ häufige psychische Erkrankung (Driesch et al., 2004, S. 922). Dysmorphophobie, wie die Störung auch genannt wird, zeichnet sich durch eine übermässige Beschäftigung mit eingebildeten körperlichen Mängeln oder einer befürchteten Entstellung der äusseren Erscheinung aus (ebd., S. 917ff.). Dies verursacht Angst oder Depression und ist von einem hohen Leidensdruck begleitet, da die sozialen und beruflichen Funktionen der betreffenden Person erheblich beeinträchtigt werden (ebd.). Während im klinischen Kontext Patienten recht erfolgreich mit einer Kombinationsbehandlung aus serotoninantagonistischer Psychopharmakologie und kognitiv-behavioralen Psychotherapie behandelt werden können, versuchen gewisse Betroffene auch mit Body Modifications die als hässlich empfundenen Körperteile zu verschönern (ebd., S. 926ff.). Die somatische
Therapie, also die Behebung des subjektiv wahrgenommenen Makels mittels plastischer Chirurgie oder kosmetischer Behandlung, vermag bei Patienten mit Dysmorphophobie keine Erfolge zu erzielen; bei über 50% der Patienten verlagerte sich der Ort der übermässigen Beschäftigung im Anschluss an die Operation auf eine andere Körperstelle (ebd., S. 928). Ob Body Modifications, anders als somatische Therapien, einen längerfristigeren Erfolg erzielen, bei dem es weder zu einer Verlagerung der Symptome noch zu einer Verschlimmerung der Symptomatik kommt, wurde bislang nicht wissenschaftlich untersucht.
Einzelfälle zeugen jedoch von „erfolgreichen“ Selbstbehandlungsversuchen. Laura
schreibt im Internet während einer Diskussion mit der Piercerin Denise:
„You know, I never liked to look at my puss (Pussy / Muschi - umgangssprachlich, puss = engl. vulg. Vagina) until I got my rings. I have well-developed inner labia that always show ... So, one reason ... when I got my privates pierced was how much I loved to look at myself after the work was done. You might actually say I'm glad my labia are the way they are now! This is a big healing for me!“ (http://www.ambient.ca/bodmod/mutilate.html)
Der jungen Frau Cat gelang ihre „Heilung“ mit einem Schmuckstecker in ihrem Nasenflügel: „Ich hatte das Bedürfnis nach Veränderung. Aber eigentlich wollte ich vor allem auch meine Nase verschönern, denn die mag ich nicht besonders. Heute ist es das einzige Piercing, dass ich mittlerweilen nicht wieder entfernt habe. Es verschönert meine Nase und macht, dass ich mich gerne ansehe.“ (Persönliche Mitteilung, Cat, 09. April 2007)
Items zum Thema „Dysmorphophobie“:
Hast Du eine Körperstelle (oder mehrere) gepierct, die Du an Dir nicht magst? Wenn ja, magst Du diese Körperstelle an Dir nun lieber? * Um einen Köperteil zu verschönern, den ich zuvor als hässlich empfand.

4.18 Selbsttherapie
Wie bereits die vorhergehenden Motive gezeigt haben, können Körpermodifizierungen u.U. helfen, bestimmte Probleme anzugehen und sogar zu lösen. Damit fungieren sie in gewissem Sinne als Selbsttherapeutikum. Ganz besonders stärken BodMods mangelndes Selbstwertgefühl, indem sie den Betreffenden verschönern oder sie geben Selbstsicherheit, indem sie ihm beweisen, wie viel Schmerz er ertragen kann. Body Modification können
helfen, zu sich selbst (zurück) zu finden oder negative Lebensereignisse wie Trennung, Krankheit, Tod, Trauma oder Verlust zu verarbeiten.
„Allgemein fand ich Piercings schon immer schön. Sie waren für mich Körperschmuck, der die Attraktivität des Menschen unterstreicht. Im Nachhinein denke ich, dass ich dies insbesondere in der Pubertät und im jungen Erwachsenenalter, in welchem ich nicht sehr selbstsicher bezüglich meines Aussehens war, benötigte, um mich selber schöner zu finden.“ (Persönliche Mitteilung, Monika, 09. April 2007)
„Mein Labret Piercing machte ich völlig spontan in den Badeferien, nach der Matura. Diesmal war ich down, hatte das Bedürfnis nach Veränderung ... Wahrscheinlich war es eine Art Selbsttherapie.“ (Persönliche Mitteilung, Cat, 09. April 2007)
Besonders beeindruckend ist auch der Bericht eines anonymen, 25-jährigen Mannes bei BME, der von einer tiefgreifenden Lebenskrise mit 15 erzählt: „I was a lonely, hurt, angry 15 years old in 10th grade. I had moved to a school that seemed to have nobody I could relate to, and I was shy, having been picked on all my life. I had no friends ...” (http://www.bmezine.com/scar/A40913/scrselli.html)
Darauf hin begann er, Gott zu verfluchen, weil er seine Bitten nie erhört und ihn nie vom Ausgestossenen-Dasein erlöst hatte. „I was angry at the world, unloved, with a blackened heart. My dreams and fantasies were filled with violence, destruction, and malice to a world and a God that had made me this way.” In seiner Verzweiflung war der Teufel die letzte Hoffnung des Mannes, und er brandmarkte sich selbst mit einem Kreuz, um Satan seine Ergebenheit zu beweisen: „The flesh only sizzled for a moment, as the scent of burnt flesh filled my nose. It hurt, but it felt good. I felt my inner pain released, I felt whole; I felt like a man, I felt free ...” In den Augen des jungen Mannes war das Ritual erfolgreich: tatsächlich fand er plötzlich Freunde auf dem Campus, er bekam mehr Selbstvertrauen und das Gefühl von nie da gewesener Kraft: „I felt a deep spiritual connection with all my
surroundings, and a keen since of instinct. I felt invincible!” Über die Jahre wandte er sich vom Satanismus ab: „I have become a much kinder, gentler spirit. The scar has long since been covered by a tattoo... And for those who might be going-through pain such as I was, don't give up! You don't need the devil, but if you
want to really make some change and get in touch with your soul, and you feel compelled, don't let anyone discourage you from branding. It can truly be an awakening rite of passage!“ (alles ebenda)
Items zum Thema „Selbsttherapie“:
Um eine schwierige Lebenssituation zu verarbeiten. * Um mein Selbstwertgefühl zu steigern. * Um mir Selbstsicherheit zu verleihen.

4.19 Selbstzerstörung
Während Body Modifications therapeutische Funktionen haben können, die es dem Betroffenen ermöglichen, sich besser zu fühlen, sich zu heilen oder sich in einer spirituellen Weise ganz zu machen, ist es auch möglich, dass BodMods den Körper zerstören. Sie können solch extreme Formen annehmen, dass beträchtliche Schäden entstehen oder Entstellungen die Folge sind (Kasten, 2006, S. 275). Kasten spricht dabei von destruktivem Verhalten, das den eigenen Körper Stück für Stück zugrunde richtet (ebd.). Michel d M´uzan (zit. nach Kaplan, 1991, S. 394f.) beschrieb 1972 den Fall eines Mannes, bei dem Perversion und Selbstzerstörung unverhüllt zu Tage traten:
Ein Selbstverstümmler, Monsieur M., bezahlte andere Männer, um sich von ihnen verstümmeln zu lassen. Sie waren keine professionellen Chirurgen und folgten nur seinen Anweisungen. Als Monsieur M. gegen Ende seines Lebens zu einer ärztlichen Konsultation bei einem Psychiater erschien, war seine rechte Brust
praktisch nicht mehr vorhanden, sie war mit einem heissen Eisen verbrannt und ausgerissen worden. In seine Rückenhaut waren Streifen geschnitten worden, die die Haken hielten, an denen er sich aufhängen liess, so dass er in der Luft schaukelte, während er von einem Mann penetriert wurde. Flüssiges Blei hatte
seinen Nabel in einen Krater verwandelt. Sein Rektum war zur Form einer Vagina erweitert worden. In seine Hoden waren Grammophonnadeln gesteckt worden. Die Spitze seines Penis war mit einer Rasierklinge aufgeschnitten worden, um so eine weitere Pseudovagina zu bilden. Mit Ausnahme seines Gesichts und der Hände war er am ganzen Körper tätowiert und auf seinem Gesäss standen ganze Sätze eintätowiert, die seine Phantasien und Wünsche enthüllten und die seinen Selbstverstümmelungen zu Grunde lagen: „Ich bin eine dreckige Hure ... ich bin ein lebendes Stück Scheisse ... ich liebe es, auf jeden Zentimeter meines Körpers geschlagen zu werden ... Ich bin eine Hure, fickt mich ... bedient euch an mir ...
es wird euch gefallen“.
So grauenhaft das „Werk“ des Monsieur M. auch anmutet, so konnte er sich auf eine bestimmte Weise durch seinen Körper ausdrücken und unterschied sich in dieser Hinsicht von unzähligen Selbstverstümmlern, die alleine in ihrer (teils wahnhaften) Welt verbleiben (auf Selbstzerstörung im Zusammenhang mit psychischen Störungen wird in Kapitel 5 ausführlicher eingegangen).
Items zum Thema „Selbstzerstörung“:
Um meinen Körper mit dem Piercing zu bestrafen.
von : Finkster ( 12.11.2006 18:52:06 )
Wo nimmt dieser Österreicher nur die Energie und die Zeit her ..... Prima!
von : bokla ( 14.10.2005 12:08:15 )
Guter Artikel!

Auf mich treffen zwei Beweggründe für ein Piercing zu.
Zum einen den des schmückenden Accessiors und zum zweiten auch als sexuelle Stimulantia ;o)
von : Justforfun1154 ( 12.10.2005 08:26:49 )
*lach* also ich gebe für mich persönlich unumwunden Deinen Punkt 10 als Beweggründe zu... :o) Mi.
von : emoNine ( 11.10.2005 22:42:57 )
Sehr gute Arbeit mit dem Text.. Hab mich selbst sogar wieder gefunden, ob es gut oder schlecht ist, dass kann keiner sagen..

Sehr hilfreich und interessant..
von : killswitch87 ( 07.10.2005 21:49:05 )
was soll ich dazu noch sagen gut gelungen!!!! immer weiter so
lg killswitch
von : SirMalice ( 07.10.2005 09:36:20 )
Respekt für diese Sammlung, ich finde, sie zeigt wirklich fast alle Aspekte auf, die es in dieser Hinsicht gibt. Habe mir auch mal angeschaut, was auf mich zutrifft. Auf jeden Fall sehr aufklärend, Danke!
von : Martyn ( 06.10.2005 00:52:25 )
Schon als ich in der Vorschau nur die ersten paar Zeilen dieses Textes gelesen habe, wusste ich, dieser Artikel kann nur von hans3 sein.

Ansonsten muss ich sagen, das du hier wirklich sehr viele Punkte aufgegriffen hast ... aber vorallem das Zusammentragen sieht nach richtig viel Arbeit aus.
von : Bim ( 05.10.2005 09:41:52 )
Hallo Hans,
auch von mir Glückwunsch zur enormen Sammelleistung. Nein, das ist zu wenig: zu Deinem Geschick, zu ordnen, Verbindungen herzustellen, Sachverhalte klar zu formulieren.
Ich weiß, dass Du Deine eigene Motivation vor allem im Punkt 19 siehst. Stimmt’s. Du hast das schon öfter zum Ausdruck gebracht. „Um dem Partner / der Partnerin mehr Freude zu bereiten”. Freude an Piercings kann Partner/Partnerin aber nur haben, wenn sie ihrer/seinerseits bereits ein Motiv dafür haben. „Die Freude und Dankbarkeit, einem Menschen Wonne und schließlich Geborgenheit schenken zu dürfen / geschenkt zu haben”. Einer Partnerin, die Piercings kalt lassen, die sogar Widerwillen oder Abscheu davor hat, wirst Du mit „Steckern, Ringen und vor allem Kugeln sowie etwaige Zusatzutensilien (Gewichte, Kuscheligel, Ketterln ...)“ niemals Freude bereiten, oder gar Vertrauen ernten. Im schlimmsten Fall könnte sie argwöhnen, dass Du Freude daran hast „ihren Körper zu durchlöchern“. Punkt 19 ist für mich also keine Motivation, sondern höchstens die Folge schon vorhandener Motivation, aus was für Gründen auch immer. Vielleicht ist der Dir entglittene Punkt 20 die erotisch-sexuelle Komponente. Die hast Du in Punkt 10 zwar angesprochen, aber nicht bis zur letzten – vielleicht auch etwas weniger „edlen“ – Konsequenz herausgearbeitet. Für mich gab’s da von Anfang an eine enge Verbindung. Mit aufkeimender Sexualität kam bei mir auch der Wunsch nach gepierct getragenem Körperschmuck. Ich fand Mädchen, die sich damit schmückten, besonders „schön“ und begehrenswert. Gleichzeitig hatte ich den Wunsch, selbst gepierct zu sein. Weniger das Tun, der Zustand erregte mich und erregt mich immer noch. Ich mache mich mit diesem „Geständnis“ hier natürlich angreifbar. Das ist mir klar. Sei’s drum! Vielleicht gesteht manche/r der Piercingbegeisterten hier ein, dass dies auch für ihn/sie ein entscheidendes Motiv ist. Und da, lieber Hans, bin ich wieder bei Punkt 19. „Die Schmuckfunktion, der eigene Lustgewinn und die vom geliebten Mädchen / lover doppelt zurückgeschenkte Wonne“, das bezieht sich doch – mal ehrlich und ohne Umschweife gesagt – auf Erotik, auf Sex und Lust, auf Freude beim Liebesspiel. Das funktioniert aber nur, wenn beide Partnern Piercings beim Partner oder/und bei sich selbst als erotisierend empfinden, so wie oben beschrieben.
von : maddox ( 05.10.2005 07:52:43 )
Hui, lang aber gut UND in recht angenehmem, "leserlichem" Schreibstil. Positive bewertung.
von : Kahless ( 05.10.2005 01:34:44 )
Hier wird sich wohl jeder irgendwo wiederfinden...wo auch immer. Ob jeder das unbedingt wissen möchte, ist natürlich ne andere Sache... @Hans, der Stil fällt angenehm auf! @muddi: ja die gibt es!
von : extremehard ( 04.10.2005 23:56:15 )
Zwischenbericht:<br>
Nachdem ich den Artikel gelesen habe, bin ich gerade dabei die Artikel zu lesen die Hans (freundlicherweise) als Link im Anhang angefügt hat. Das dauert so seine Zeit, besonders wenn man auch noch alle Kommentare dazu liest und sich die Profile der Kommentarschreiber ansieht. Damit bin ich zu 1/3 durch! <br> erst einmal danke Hans für die imense Arbeit die Du Dir damit gemacht hast. Weil ich gründlich bin will ich nun auch noch die nächsten 2/3 durchforsten. Es wird also noch etwas dauern bis ich hier eine Beweretung abgeben kann. Jetzt brennen mir ert einmal meine Augen und ich werde morgen damit fortfahren!!!
von : Hotze2002 ( 04.10.2005 23:08:28 )
Hans, man wird immer feststellen können, an welchen Stellen Schwachpunkte liegen, in deinen Artkeln vor allen Dingen, da du probierst sehr konkret zu sein. Dies macht sie natürlich sichtbarer als in allgemeiner gehaltenen. Und wie ich bereits sagte, nach meiner Meinung ein Artikel der optimal in den Rahmen hier passt. Hättest du weiter Punkte aufgelistet und/oder auf mehr Qerverbindungen hingewiesen, so wäre der Artikel vermutlich noch nicht fertig. Laß mich noch anmerken, dass ich auch deine Ausdrucksweise in diesem Artikel sehr begrüße. Absätze, keine eingedeutschten Anglizismen... Das macht das Lesen gleich leichter und es macht auch mehr Spaß, da man sich auf das wesentliche des Artikels konzentrieren kann. Gruß Hotze
von : T-x ( 04.10.2005 22:26:59 )
aus meiner sicht zu lang abba gut dokumentiert....
von : hans3 ( 04.10.2005 22:13:44 )
HOTZERICH, du hast recht, ich war im Dilemma, die eine oder andere Querverbindung hätte noch genauer herausgearbeitet werden können - zwei oder drei Punkte hätte ich andererseits kürzer fassen können. Wollte ich aber nicht, habe dafür sogar verzichtet, auf „Religion“ und „Sucht“ in mehr als nur Schlagworten einzugehen. Na ja, das hast du ja gemerkt. Aber bei einigem guten Willen und ehrlichem Insichgehen sollte jeder Liebhaber von Körperschmuck sich bei irgendeinem (oder mehreren) der angeführten Gründe wiederfinden. Gruß ha
von : User nicht mehr registriert ( 04.10.2005 20:19:17 )
@Muddi, Der Text soll lang sein? Naja länger als Sprechblasen in den Mickey Maus heften schon. Und auch weniger lustig*. Dafür reichhaltig an Information.
*Hans schreibt auch hie und da lustige texte - dies ist dann aber bitterböser schwarze Humor, den ich nun bei Mickey Maus auch vermisse**.
**Würden die leuts von Monty Phyton Mikey aus Hefte zeichnen, passte dies eher.
von : User nicht mehr registriert ( 04.10.2005 20:06:11 )
Gute Zusammenfassung der Vielfalt an Beweggründen...
von : Hotze2002 ( 04.10.2005 19:40:28 )
Lieber Hans, auch ich habe deinen Artikel gelesen. Ich stimme dir nicht in allen Punkten zu, da ich manche für durchaus weiter differenzierbar halte und viele Überschneidungen sehe (mehr als die, auf welche du eh schon hingewiesen hast). ich hoffe du verstehst es als konstruktive Kritik, denn trotz der angemerkten Punkte halte ich deinen Artikel genau für eine Community gemacht. Ich fand ihn sehr informativ und hab vielen Dank für die Zusammenfassung und -führung der anderen Artikel.
Dafür ein sehr gut.
Gruß
Hotze
von : FS666 ( 04.10.2005 16:47:20 )
Ja, ich habe es auch gelesen und ich findees garnicht mal schlecht, aber ich habe es nicht bewertet, da ich noch nie etwas bewertet habe.
von : Sl33pin9 ( 04.10.2005 16:33:16 )
ja, ich habs gelesen ;)
von : Muddi ( 04.10.2005 15:07:05 )
gibt es hier echt Leute die solche meterlangen Texte lesen?



 


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