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Die Geschichte der Ohr Piercings

Wir wollen mit diesem Web-Special einmal das Unmögliche versuchen und alle gängigen Piercingarten des Ohrs an einem Platz behandeln. Obwohl oder gerade weil das Ohr ein so kleiner Teil unseres Körpers ist, weist es die vermutlich höchste "Piercingdichte" auf. Das Ohr selbst bietet aber auch durch seine unterschiedlichen Gewebearten und variantenreichen Formen einen idealen Platz für kreative Piercing- und Schmuckideen.
Das Ohrpiercing Nummer Eins ist wohl das Lobe (Ohrläppchen). In den 80ern galt es noch als "Punk" und Rebellion, obwohl es in den 50ern bereits der erste echte "Piercingtrend" unserer Zeit gewesen war. Dieser erste Trend - und an der Stelle sollte man sich hinsetzen und dann weiter lesen - wurde ausgelöst durch die englische Königin, Queen Elisabeth II., die zu ihrer Krönung die volle Ausstattung der Kronjuwelen tragen wollte und sich dafür die Ohrläppchen durchstechen ließ. Sowohl das Königspaar als auch die Hochzeit waren damals große Ereignisse und der Ohrschmuck in aller Munde; auf der ganzen Welt fanden sich daraufhin Frauen zu "Piercingpartys" zusammen um auch den letzten Schrei in Sachen Mode – den Ohrring – mitzumachen.

Die Geschichte

LIFE Magazine 1957 - Ear Holes for Beauty
LIFE Magazine April 15 1957
Vol.42 Ed.15
Es finden sich zahlreiche Belege für den Ohrschmuck – besonders dem Lobepiercing (Ohrläppchen). So findet man quer durch die Jahrhunderte geschmückte Ohren an Portraits meist adliger, aber auch bürgerlicher Frauen. Eher selten auch an Männern, in Europa meist im 17. und 18. Jahrhundert, danach war es eher unüblich, bzw. selten oder "exotisch".
So waren es oft Darstellungen von Seefahrern oder Zeichnungen von Naturvölkern aus Afrika, Asien und Amerika, die Männer mit Ohrringen zeigten. Seefahrer, so wird überliefert, trugen goldene Ohrringe, die im Wert etwa dem eines christlichen Begräbnisses entsprachen.
Sie sollten, falls der Seemann nach einem Unglück tot an Land getrieben und von Christen gefunden würde, sein Begräbnis finanzieren. Eine solche "Funktion" des Ohrschmucks war nicht neu, im Mittelalter war es zum Beispiel bei einigen Zünften üblich, die Zugehörigkeit durch einen Ohrring auszudrücken. Auch der war meist aus Gold und diente dem Bestatter als Entlohnung im Todesfall.
Es diente aber auch als Erkennungsmerkmal, so wurde er z.B. bei Verstößen gegen die Zunftordnung (also Unzünftigkeit) ausgerissen, was wohl den Begriff "Schlitzohr" für ein Schandmal prägte.
Wann genau und von welcher Kultur das erste Mal ein Ohrloch gestochen wurde ist nicht auszumachen, allerdings weiß man, dass schon die frühesten Kulturen wie die Sumerische oder die Babylonier ihr Ohrläppchen schmückten. Interessant ist auch, dass auf jedem Kontinent unabhängig von der Kultur Zeugnisse von Ohrpiercings zu finden sind, der Ohrschmuck sich also unabhängig voneinander entwickelte oder seinen Ursprung weit vor jeder Geschichtsschreibung hat und einfach "schon immer" da war.
In traditionellen Kulturen wurden Piercings im Ohr oft in religiöse Zeremonien wie z.B. Geburt, Pubertät oder die Heirat eingebunden. In einigen Bereichen des Hinduismus wird dem Neugeborenen zwölf Tage nach der Geburt bei der Zeremonie der Namensgebung ein kleiner Stecker oder Ring in die Ohrläppchen und Nase eingesetzt. Bei männlichen Babys wurde "weiblicher" Schmuck eingesetzt um die "bösen Geister" zu irritieren und von dem Kind fernzuhalten.
Die bisher ältesten Ohrringe wurden in der Stadt Chifeng in der Inneren Mongolei ausgegraben und auf ein Alter von 7.500 bis 8.200 Jahre datiert. Die Ohrringe, von denen mehrere Paare gefunden wurden, sind aus Jade und 2,5 bis 6 cm groß.
In der Literatur stößt man immer wieder auf den "Ohrring", schon in der Bibel ist die Rede davon. Allerdings gibt es die unterschiedlichsten Interpretationen und Übersetzungen, so ist von Ohr- und Kopfspangen die Rede, mal auch von Ohrringen. In evangelischen Gebieten Deutschlands galt der Ohrring lange als "katholisch" und damit verpönt, andere Christen lehnen ihn ganz ab, da man wie auch beim Tattoo dem Körper Schaden zufügt – wieder andere schmücken sich aus religiösen Gründen mit Tattoos und Ohrringen. Lassen wir also die Bibel mal außen vor!

Ein sehr interessantes Buch ist das Lese- und Lehrbuch "Bilderfibel zur Beförderung der Laut-Methode" von Johann Ferdinand Schlez aus dem Jahre 1809/1810. Dieses Buch ist daher so interessant, da es in einem Kupferstich den Piercingvorgang an sich zeigt wie er zu der Zeit wohl üblich war. Der Kupferstich ist von Johann Conrad Susemihl.
In der Beschreibung zu dem Bild heißt es:
"Ein eitles Mädchen läßt sich Ohrenlöchelchen stechen. Die alte Frau da, mit der Brille sagt ihr zwar: Wozu sollen die Löcher in den Ohren? Hättest du sie mit zur Welt gebracht: so würd‘ es Jedermann für einen Fehler gehalten haben. Die frisch gestochenen Löchelchen werden dir weh thun bis sie ausgeheilt sind und die Ringelchen darin können sogar gefährlich werden. Wenn du kleine Kinder wartest und es greift eines hinein; so schlitzt es dir die Ohren aus. Überdies merke! Wer keine Ohrenlöchelchen hat, braucht auch keine Ohrenringe und erspart sein Geld...
Das hilft aber nichts! Das Mädchen, sonst bei jedem Nadelstich empfindlich, will aus Eitelkeit den zehnmal größern Schmerz gern dulden. - Je nun, sagt die alte Frau, wenn du willst, so bin ich bereit; aber kreische mir nicht, wenn ich steche; denn es thut weh! - Nein, das will ich auch nicht! sagt das Mädchen. Frisch legt es das Ohr auf das untergehaltene Stückchen Rübe. Die Frau hat den Pfriemen in der Hand und sticht. Das Kind hält Wort. Es kreischt nicht; aber es quickt doch beim Stiche i! i! - Wie sieht der Buchstab aus, der i lautet? Sucht ihn auch im Buche auf! - Lernt an dem Mädchen, wie man den Schmerz überwinden kann.“

Man sieht, schon damals wurde dem Piercingwilligen ins Gewissen geredet und erst nach einer Aufklärung über die Risiken eine klare Einverständniserklärung abverlangt – grob gesagt, hat sich also in den letzten 200 Jahren nicht viel getan – außer natürlich im medizinischen Bereich des sterilen Arbeitens und der Nachsorge sowie eine Optimierung der Arbeitswerkzeuge und des eingesetzten Schmucks. Wobei wir der Wirkung einer Rübe auf die frische Wunde jetzt nicht nachgegangen sind, vielleicht ist da gutes altes Volkswissen verloren gegangen!?
Es sind aber nicht nur Lobepiercings historisch belegt. Man findet in verschiedenen frühen Kulturen durchaus auch andere Piercings, darunter auch einige Ohrknorpelpiercings. So findet sich das Helixpiercing (äußerer Knorpelrand) schon sehr früh auf beinahe jedem Kontinent. So trugen die Dayak aus Borneo damals wie heute Eckzähne von Bären im oberen Bereich des Ohres. Die Mütter von Kriegern der Lmasala (ein Klan der Samburu - Kenia, Afrika) tragen die Beschneidungs-Ohrringe ihrer Söhne im Helix während diese auf der Jagd sind oder in den Kampf ziehen. Auch andere Knorpelpiercings wie z.B. das Conch (Ohrmuschel) findet man bei den Mangebetu im nördlichen Zaire (Demokratische Republik Kongo, Afrika). Übrigens kann man "Conch" mit einem weichen "ch" am Ende (wie Elch) oder hart mit einem "k" (also konk) aussprechen.

Aber nicht alle Ohrknorpelpiercings haben einen kulturellen Ursprung. Die meisten sind eine Erfindung der Neuzeit.
Ein Pionier auf diesem Gebiet ist Erik Dakota, der als erster zahlreiche Piercings dokumentierte und ihnen teils auch die Namen gab. Piercingnamen wie das Daith, Ear-Orbital, Rookpiercing und Industrial Ohr-Projekte stammen von Erik.
Erstmalig wurden diese Piercings im November 1992 auf dem Lehrgang "Fakir School of Professional Body Piercing" vorgestellt und dann im Body Play Vol.1, No. 4 einem (für die damaligen Verhältnisse) breiten Publikum vorgestellt. Ähnlich verhält es sich mit anderen "neuen Piercings", die bis vor 10 Jahren meist zuerst im PFIQ (Piercing Fan International Quarterly, 1977-1998) Magazin erwähnt und mit einem Namen bedacht wurden. Heute hat diese Rolle größtenteils wohl BME (Webseite) oder die großen "Conferences" (Lehrgänge wie z.B. APP Conference in Las Vegas) übernommen.


Ohr Anatomie und Abheilung

 
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Die Autoren

Der Artikel "Das Ohrloch - Ohr Piercings" erschiehn zuerst im Expand Magazin Nr. 14 (Mai 2009) und wurde von Magda Zdralek (Piercerin SkinPin, Neuss) und Stephan Strestik (wildcat-ink, Google+) geschrieben.

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