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Profil von: melanom
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Die kommende Tätowiermittel-Verordnung (TätowierVO)


Kategorie: tattoo > Artikel und Essays
21.07.2008 12:40:49 / ... / ... [#lang]
Das Tattoo-Farben schon länger im Fokus der Öffentlichkeit sind, haben die meisten sicherlich schon bemerkt. Ich sage nur „Autolack“, aber dazu später mehr.

Im letzen Jahr sind die Hersteller von Tätowierfarben darüber informiert worden, dass eine Grundlegende Änderung in der Handhabung mit dem mirakulösem Medium Tätowierfarben erfolgen soll. Unterlagen bis dahin diese noch der Bedarfsgegenständeverordnung, wird es ab Sommer 2008 endlich eine gesonderte Verordnung geben.

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das ganze schon zu lange einfach der Szene selber überlassen wurde, sich um Inhaltstoffe und Regelungen zu kümmern. Frei nach dem Motto „Wer sich tätowieren lässt hat an Komplikationen selber Schuld.“ haben die sonst so regelwütigen Behörden sich einfach nicht damit befassen wollen. Die funktionierende Eigenverantwortung der Farbhersteller war zwar grundsätzlich vorhanden, aber dennoch sind doch auch Farben auf dem Markt gewesen, die nicht ohne weiteres als ungefährlich bezeichnet werden konnten. Auch wurde jahrelang nicht wirklich über Verfallsdaten oder überprüfbare Herstellungsverfahren nachgedacht.

Das alles hat sich in den letzten Jahren zwar geändert, aber mit dem Boom kamen sowohl ein gestiegenes Interesse in der Öffentlichkeit, als auch ein Anstieg der allergischen Reaktionen. Letzteres ist einfach eine rechnerische Sache : Erhöht sich die Zahl der Anwendungen eines Mittels, erhöht sich auch zwangsweise die Zahl der Komplikationen.

Mit dem steigenden öffentlichen Interesse, haben sich die Medien und mehr oder weniger objektiv testende Institute dem Thema angenommen.

Warum stelle ich die Objektivität in der öffentlichen Diskussion hier in Frage ?

Das ist ganz einfach erklärt. Die mangelnde Objektivität ist ein Produkt aus selektivem Testen und gewollt reißerischer Interpretation durch die Medien. So wurden in den ersten Tests, die eigentlich als Querschnitt dargestellt wurden, nur bestimmte Quellen getestet. Wenn man die seriösen Farbhersteller ausklammert, ist natürlich auch der am Ende relevante Gesamteindruck der Tattoo-Farben-Industrie verfälscht.

Dazu kam dann das willentliche Verdrehen von Sachverhalten durch die Presse. Wenn ein Pigment sowohl im Lackbereich als auch bei Tattoofarben beigemischt wird, heißt das noch lange nicht, dass es sich bei der TattooFarbe um Autolack handelt. In Kuchen und in Crack ist Backpulver..ist dann auch Kuchen gleich Crack ? Eben…Nur weil ein Pigment auch in Lackfarbe vorkommt, heißt das noch lange nicht, dass es nicht gesundheitlich unbedenklich sein kann. Hier wurde dann von der Presse verdreht, was verdreht werden musste, damit die Schlagzeile den Verkauf der Zeitung steigert. Da wird mit den gängigen Assoziationen gespielt, die der Leser hat, wenn er an Autolack denkt (Lösungsmittelgestank/giftig/Chemie), um der Tattoofarbe einen Stempel aufzudrücken. Armseelige Verkaufstaktik, aber nicht verwunderlich im heutigen MedienZeitalter. So geisterte lange, teilweise heute noch, das „Autolack-Gespenst“ durch die Studios.

Letztendlich hat dieses Fehlverhalten der Medien aber einen Prozess in Gang gesetzt, den man prinzipiell nicht als falsch ansehen sollte. Die Schreckensmeldungen haben die eigentlich zuständigen Stellen alarmiert. Mit dem nun entstandenen Interesses der Gesundheits-Instanzen sind ganz neue Aspekt von TattooFarben auf den Tisch gekommen, über die sich die Tattoo-Szene selber noch nicht so viele Gedanken gemacht hatte.

So ist nicht nur relevant, ob eine Farbe als solche verträglich ist, sondern auch, ob die Mischfarben und auch die im Zerfallsprozess einer Farbe entstehenden Spaltprodukte nicht zu Problemen führen könnten. TattooFarben werden dem Sonnenlicht ausgesetzt und zerfallen über Jahre. Je nach Farbton mehr oder weniger. Dieses Zerfallsprodukt muss nicht unweigerlich dieselben Eigenschaften aufweisen, wie die ursprüngliche Farbe.

Auch mit dem heute immer mehr verbreiteten Lasern von Tattoos kommen neue Aspekte ins Spiel. Die oft schon gestellte Forderung, nur noch entfernbare Farben verwenden zu dürfen, ist natürlich lächerlich und würde aus der Entscheidung „für immer“ endgültig eine WischiWaschi-Geschichte machen. Zum heutigen Zeitpunkt kann man nicht jeden Farbton mit einem Laser entfernen, da dieser nur bestimmte Frequenzen hat und nicht jede Farbe „spalten“ kann. Das ist zum Glück immer noch das, was das Tätowieren ausmacht : Eine nicht leichtfertig zu treffende Entscheidung fürs Leben. Aber trotzdem sollte man Farben auch daraufhin untersuchen, dass die Spaltprodukte nach dem Lasern nicht gesundheitsschädlich sind. Denn wird ein Pigment vom Laser zertrümmert, muss das Immunsystem damit klarkommen.


Nun ist das Verbraucherministerium hingegangen und hat die „Tätowiermittelverordnung“ ins Leben gerufen. Obwohl man die Farbenhersteller und auch den D.O.T. in beratender Funktion hinzugezogen hat, kam die übliche Vorgehensweise von Behörden zum Vorschein : Erst jahrelang nicht drum kümmern, um dann mit dem eisernen Besen übers Ziel hinauszuschießen. So sind einige Farbgruppen (AZO) komplett auf der „schwarzen Liste“, obwohl nur ein Bruchteil der Azo-Farbstoffe als bedenklich gelten. Auch sind Pigmente aufgelistet, die einfach aus dem Kosmetik-Bereich als „gefährlich“ übernommen wurden, weil sie dort (z.B.) nicht in Schleimhautnähe verwendet werden sollten. Ist fürs Tätowieren völlig irrelevant, war aber einfacher...Nicht alles was Behörden vorschreiben, macht Sinn, aber das ist ja nichts neues ;-)


Was nicht wirklich verständlich scheint, ist für mich die Definition des Begriffs „Hersteller“. So ist man letztlich der Hersteller eine Farbe, wenn man sich als Tätowierer einen Farbton in der Flasche mischt und später benutzt. Während das mischen der Farbe im Farbtöpfchen dem Künstler freigestellt wird, muss er die fertig gemischte Farbe letztendlich anmelden und sich als Hersteller verantwortlich zeigen. Das macht rein theoretisch das Vormischen von Schwarz/Wasser-Tönen unmöglich. Sinn ? Keine Ahnung….

Auch wird dadurch das importieren von Farben unterbunden. Denn wer die Farben importiert, gilt als Einführer (was in der Verantwortung dem Hersteller gleichkommt), muss das melden und müsste dann, wenn Komplikationen welcher Art auch immer auftreten, als solcher auch die Verantwortung übernehmen, was einen großen Unterschied ausmacht. Er müsste die Farbe prüfen lassen, um jegliches Risiko ausschließen zu können, die z.B. durch die Verunreinigung einer Charge entstehen könnten. Ich halte diese Regelung für unglücklich. So kann der Tätowierer nicht auf einer Convention einfach einkaufen, auch wenn es dieselbe Farbe ist, die auch Hierzulande vertrieben wird.


Die Vorteile der Verordnung sind allerdings im Sinne des Verbrauchers/Endkunden. So werden Inhaltsstoffe von nun an auf den Farbflaschen aufgelistet. Ein Abgleich mit vorhandenen/bekannten Allergien ist so vereinfacht. Auch sind viele als allergen geltenden Pigmente von nun an verboten, die Gefahr von eventuellen Komplikationen wird so verringert.

Die ganze Farbherstellung wird durchsichtiger. Das trägt auch der Entwicklung Tribut, dass die Tattoo-Szene nicht mehr, wie noch vor einigen Jahren, ein Geheimbund ist, der wenige elitäre Anhänger hat. Was wir heute haben, ist eine Riesen-Industrie, die ein breitgefächertes Spektrum an Endverbrauchern bedient. Da ist es mehr als sinnvoll, dass man sich nicht mehr hinter der veralteten Haltung der Subkultur versteckt. Die Szene kann und muss sich nicht mehr durch Geheimniskrämerei nach Außen hin schützen. Schutz vor unbedarften Neueinsteigern bietet heutzutage der rapide steigende Künstlerische Anspruch. Dafür können andere Teile endlich durchsichtiger werden.

Da nützt auch das Rumheulen alter Hasen, die meinen, dass es Früher anders war und sie wünschten, es wäre wieder der kleine Kreis von Tätowierern/Kunden, der Probleme mit Farben eher selten gehabt hat und damit nicht direkt an die Presse gegangen wäre. Aufwachen, es ist nicht mehr so wie Früher, es ist wie es ist. Unzählige Menschen laufen heute in unzählige Studios und auch das Bewusstsein über die Rechte als Kunde hat sich gewandelt. Da darf man sich nicht verhalten wie in einer Seifenblase und versuchen diese zu schützen, bis sie platzt. Wir sind nicht kleine Alices im Wunderland, wir tragen eine Verantwortung, die wir auch erfüllen sollten, denn der Kunde ist das wichtigste….

Aber die Verordnung hat auch immense Vorteile für die Tätowierer : Allergien werden verringert, die Verantwortung der Hersteller ist geregelt, Verstöße von deren Seite sind strafrechtlich verfolgbar.

UND (!!) : Es unterbindet einfach, dass Gerüchte, wie das mit dem angeblich in Tattoofarben vorhandenem Autolack, überhaupt erst aufkommen. Daraus resultiert ein großes Argument wenn es um die Sicherheit im Tätowiervorgang geht. Man muss gar nicht erst rumdiskutieren, sondern kann auf die Tätowiermittel-Verordnung verweisen. Sprich : Der Ruf und der Beruf, die ganze Branche wird seriöser, weil sie mit der Zeit geht. Tätowieren ist ja nun nicht die einzige Branche, die überwacht wird. Auch andere Gewerbe müssen sich der Öffentlichkeit stellen und früher nicht übliche Einblicke gewähren, Überprüfungen zulassen. Sich da ausschließen, würde nicht von Kundenfreundlichkeit zeugen. Dafür kann man die entstehenden Mehrarbeit durch Ablaufdokumentation, Prüfung der aufgelisteten Inhaltsstoffe auf Listenkompatibilität in Kauf nehmen. Die Welt bleibt nicht stehen ;-)


Auch wenn ich das „übers Ziel hinausschießen“ der Verordnung nicht ganz verstehe, begrüße ich doch das Vorhaben als solches, denn es bedeutet mehr Sicherheit für den, der letztendlich die Farbe sein Leben lang mit sich rumschleppen muss.

Inkrafttreten der Tätowiermittel-Verordnung ist der 1.07.2008. Einsehbar ist die Verordnung auf der Internetseite des Verbraucher-Ministeriums.

Ich danke Ralf Michel (Deep Colours! GmbH [DE]Generalsekretär Tattoo Ink Manufacturer of Europe/TIME [DE]) für eine sehr aufschlussreiche Einführung in die neue Verordnung auf dem BmxNet.org-Seminar im letzten Jahr.

Tätowiermittel-Verordnung [DE]




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USER KOMMENTARE:

von : KokoDo ( 04.08.2008 01:31:26 )
Dass in Tattoofarben und Autolacken dieselben Pigmente enthalten sind, zeigt doch nur, wie gesund Autolacke heute sind ;-)
von : melanom ( 01.08.2008 17:45:41 )
Nachtrag : Wie mir zugetragen wurde, ist die Verordnung noch nicht in Kraft. Ich habe das angekündigte Datum als Grundlage genommen. Schande über mich ;-)

Ich versuch euch auf dem Laufenden zu halten.
von : chaosbrowny ( 26.07.2008 22:06:53 )
sehr ausführlich! danke für die aufschlußreichen zeilen!
von : User nicht mehr registriert ( 26.07.2008 04:41:18 )
danke für den Bericht, wieder sehr interessant :-)
von : Turquenione ( 22.07.2008 19:15:03 )
guter artikel der einem einen einblick ins ganze gibt :) riecht eigentlich tattoofarbe überhaupt nach etwas...?
von : User nicht mehr registriert ( 21.07.2008 20:20:24 )
vielen dank für die ausführungen herr melanom, nu bin ich wieder mal bischen schlauer :-)
von : melanom ( 21.07.2008 20:16:42 )
Naja, kann ich nichts zu sagen. Uns kosten die neuen Richtlinien nicht mehr, die Farben haben sich bis dato nicht erhöht. Die restlichen Standards erfüllt unser Studio eh, da müssen wir persönlich nichts ändern.

Gibt aber auch nichts neues, was nicht vorher schon wichtig war.

Wenn derjenige allerdings einfach aufgerüstet hat, kann er das natürlich als Begründung anführen. Jeder Betrieb, der sein Inventar aufrüstet, legt die Kosten um. Ein Autoclav kostet um die 3000-5000 Ocken. Muß man sich dann mal wieder nen neuen kaufen, ist das logischerweise ein Faktor für ne Erhöhung.

Aber letztendlich gibts nicht die Begründungspflicht. Wenn ein Geschäftsmann meint, die Preise erhöhen zu müssen, kann er das machen.

Aber 50 Euro pro Stunde sind nur schwer mit Material-Mehrkosten zu begründen.

Man steckt aber nicht drin ;-)
von : User nicht mehr registriert ( 21.07.2008 20:04:35 )
es wurde mit einem mehraufwand insgesamt argumentiert - farbe, hygiene usw. hat das alles was mit der neuen richtlinie zu tun?
von : melanom ( 21.07.2008 20:01:36 )
Also, wenn jemand meint, er müsse 50Euro pro Stunde mehr nehmen, weil die Farben teurer geworden sind, müßte er ja, bei großzügig gerechneten 25Euro mehr pro Farbflasche, pro Stunde 2Flaschen verballern.

Hirnrissig.

Wenn wer die Preise erhöhen will, soll er es tun, aber nicht irrwitzige Kostenrelationen als Begründung nehmen.
von : User nicht mehr registriert ( 21.07.2008 19:58:20 )
öh, ich nenne keine namen :-|
von : melanom ( 21.07.2008 19:51:44 )
lol...hat nicht jemand ersthaft gesagt die Zahl ?


Geil....
von : User nicht mehr registriert ( 21.07.2008 19:47:35 )
öh, ich würde mal meinen keine 50 euronen pro stunde
von : User nicht mehr registriert ( 21.07.2008 19:44:25 )
Vielen Dank für die Auskunft :-D
von : melanom ( 21.07.2008 19:44:22 )
Wieviel die Single-Units das ganze teurer gemacht hätten/machen würden(wenns wer freiwillig benutzt), weiß ich nicht.
von : melanom ( 21.07.2008 19:43:09 )
Mal ausgegangen von einer fiktiven Erhöhung von 5Euro pro Farbflasche berechnet auf die Arbeitsstunden.

von : melanom ( 21.07.2008 19:34:14 )
Wegen der Verordnung '? Nein..wenn man das, was die Farben (vielleicht) teurer werden, durch die Portionsmengen pro Kunde teilt, bleiben die Mehrkosten im Cent-Bereich.
von : User nicht mehr registriert ( 21.07.2008 19:29:22 )
bzw. sind höher kosten für die studios durch die richtlinie zu erwarten?
von : User nicht mehr registriert ( 21.07.2008 19:28:38 )
Ist dann eine Argumentation hinsichtlich einer erheblichen Preiserhöhung von einem Studio noch haltbar wegen dieser Richtlinie?
von : melanom ( 21.07.2008 19:25:04 )
Nein, die sogenannten "Single-Units" sind vom Tisch.
von : User nicht mehr registriert ( 21.07.2008 19:16:24 )
wie verhält sich das nun mit der portionierung - da geistert doch auch sowas durch die gegend, dass die zu benutzenden einheiten nur in kleinen gebinden / pro kunde verwendet werden dürfen. stimmt das?

ach, danke auch für deinen blog :-)
von : mainzel ( 21.07.2008 16:21:09 )
danke für die info :-)

ob oder was je an den gerüchten dran war...bzw was früher wirklich mal drin war in dem zeug vor vielen jahren, als da auch noch der blecheimer mit wasser und schwamm stand...
von : Kahless ( 21.07.2008 14:04:53 )
Gut geschrieben, aber das Hinausschießen übers Ziel zeigt mal wieder, dass sich da nicht unbedingt jemand mit Fachwissen an die Verordnung setze. Dennoch ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn da sicher nachgebessert werden solle.
von : User nicht mehr registriert ( 21.07.2008 13:16:34 )
diese autolackscheiße geht mir mächtig auf die nüsse.dieser "mythos" ist echt hartnäckig.

PS:gut geschrieben :D

 
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