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Profil von: melanom
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24.07.2008 12:38:30 / ... / ... [#lang]

War es das ? Waren wir, die nach den Seefahrern, Bikern und KernSubkulturen die ersten waren mit Tattoos, nicht auch die ersten, die sich über mangelnde Akzeptanz mokiert haben ?

Ich gehöre wohl noch zur Randgruppe „Asozial“, die mit den Tattoos auch schocken wollten. Klar, Interesse an der Materie Tattoo war auch einer der Auslöser für den neuen Faible, aber auch das Nacheifern von Subkultur-Vorbildern. Meine Idole waren tätowiert, ich wollte auch mich dem zuordnen, was nicht mit dem Strom schwamm. Nicht so wie alle anderen sein.

Und heute ? Ist es heute nicht fast schon die Ausnahme, überhaupt nicht tätowiert zu sein ? Ich muss eingestehen, dass meine Sicht da sehr gefiltert ist. Ich habe fast nur mit Menschen zu tun, die entweder tätowiert sind, oder zumindest selber von Tätowierten umgeben sind. Aber trotz allem ist es heute, war in dem Boom Ende der 90ger noch mehr, „In“ tätowiert zu sein. Es gibt auch ganze Gruppen, oft alters- oder gesellschaftsschichtgestaffelt, die überhaupt nichts mit Tätowieren anfangen können. Aber auch da bestätigt die Ausnahme die Regel. Oft tritt die Ausnahme in dem jeweiligen Bekanntenkreis regelrecht eine Lawine los. Ist erstmal einer tätowiert, folgen oft andere bzw. ändert sich dann in diesem Kreis die Sicht der Dinge. „Ach, mein bester Freund/Cousin/etc. ist auch tätowiert“….

Lange habe ich das für lästig befunden. Logisch, denn sie haben mich meiner Möglichkeit zu schocken beraubt. Wie soll ich mich noch ausgrenzen, wenn alle „mein Spiel“ spielen ? ;-)

Aber je mehr ich mich damit abfinde, dass sich Zeiten und Menschen ändern, desto objektiver kann ich die Entwicklung betrachten. Im Berufsleben des „Normalen“ hat sich auch einiges geändert. Klar, in der Bank, in Sevice-Berufen, ist eine offensichtliche Tätowierung immer noch nicht gerne gesehen, aber das wiederum ist verständlich, denn jeglicher Kunde, der Anstoß nimmt, ist aus Sicht eines Betriebes einer zuviel. Es gibt Berufe, da ist Neutralität das oberste Gebot. Bei der Berufskleidung schreit schließlich auch keiner „Ich werde unterdrückt!“, nur weil er sein Punkrock-Shirt nicht als Oberkellner/Bankangestellte/etc. tragen darf. Da ist es nur eine logische Schlussfolgerung, dass auch Tattoos diese Neutralität stören. Hier muss auch der Tätowierte mal Toleranz zeigen.

Aber zurück zum Kern des Pudels des Problems ;-)

Trotz der Einschränkungen im Berufsleben wage ich zu behaupten, dass es eine steigende Akzeptanz gibt. Tattoos gehören zum Alltagsbild. Mal ein kritischer Blick im Supermarkt, mal vllt auch mal herablassende Reaktionen. Aber HEY…das war früher viel viel schlimmer. Heute können echt alle froh sein, dass es so ist wie es ist.

Und das überwiegt für mich die schlechten Seiten der Entwicklung. Wo die für mich liegen ? Zum einen der oben genannte Raub meiner Auflehnungsmöglichkeiten (lol…will ich mich heute überhaupt noch „ausgrenzen“ ? ja, son bissel schon, aber das geht auch anders), zum anderen ist innerhalb dieser Szene, die man gar nicht mehr so bezeichnen kann, die Gesellschaft mit ihren schlechten Eigenschaften eingezogen. Früher gab es kaum Intoleranz innerhalb der Gemoddeten. Da wurde sich gemocht, weil man in dem anderen Tätowierten, auch wenn er viel extremer/weniger extrem tätowiert war, eben einen Gleichgesinnten gesehen hat. Heute ist das anders. Zusammenhalt ist vorbei, da wird hemmungslos über den anderen hergezogen, ausgegrenzt und diffamiert, nur weil man den anders modifizierten nicht versteht/verstehen will.

Aber das ist für mich der einzige Nachteil. Dafür bekommen haben wir durch die Vergrößerung der „Szene“ mehrere monatliche Magazine, eine florierende Industrie, verbesserte Bedingungen in Studios, Präsenz in den Medien zur besten Sendezeit, Künstler einen Rockstar-Status, viel mehr gute Künstler und einem damit einhergehenden Riesenschritt nach Vorne, Akzeptanz im Alltag, Anerkennung in Kunstkreisen, Sicherheit in der Farbherstellung und viel beständigere Farben, und und und….

Für das, was uns die Masse damit gebracht hat, kann ich vergessen, dass es nun auch innerhalb der „Szene“ ganz kleine Tellerränder gibt, die denken sie hätten die Weisheit mit Löffeln gegessen.

Vor allem weil ich weiß, dass WIR die Straße asphaltiert haben, auf denen der Mainstream heute dahinrast…..


Genug der schlauen Worte, der literarische Tattoo-Blog macht eine Woche Pause, das bösartige Melanom entspannt sich 7Tage mit seinen Kindern bei den freundlichen Nachbarn, wo die Frauen Holzschuhe tragen. Währendessen schreibt es einen Artikel über die Beweggründe beim Tätowieren und hofft, dass die Admins den dafür verfassten anonymen Fragebogen für die User programmiert haben ;-)

Eigentlich war geplant, erst den Fragebogen loszutreten, um darauf den Artikel aufzubauen, aber vielleicht schreibt ich erst den Artikel und lässt dann noch mal eine Auswertung der Beweggründe innerhalb der Community folgen…alles kann, nichts muss…und ich weiß noch nicht, wie weit ich im Urlaub komme ;-)

Aber ich glaube, es wird euch gefallen…

See U in Sieben Days

22.07.2008 23:46:27 / ... / ... [#lang]

Das Licht weckt ihn, kein Wunder, dass er kein Nachtmensch ist, er könnte kaum tagsüber schlafen. Naja, könnte schon, denn es gibt ja Rollos.

Der erste Schritt aus dem Bett ist der schwerste des Tages. Müde ist er, was kein Wunder ist, wenn man bedenkt, dass er wieder bin in die Nacht hinein gezeichnet hat. Immerhin diesmal für ihn selber. Muss auch mal sein. Immer nur die Wünsche Anderer erfüllen schlaucht die Phantasie. Dann muss hin und wieder mal ein Bonbon drin sein. Sein letzter Tattootermin ist schon Monate her. Aber das ist nun nebensächlich. Seine Gedanken schwirren um die Entscheidung, ob er den Wecker nun noch ne halbe Stunde weiter stellt, oder direkt aufstehen soll. Die Entscheidung wird ihm abgenommen, denn es klingelt…Fuck…Müllabfuhr.

In die Küche geschleppt, Kaffeewasser aufgesetzt und erstmal Zähne putzen. Verdammte Hacke, hätten weniger Zwiebeln gestern im Salat sein müssen, damit er jetzt nicht den Mundstuhl des Jahrhunderts hätte.

Den Colgate-Geschmack tötet er mit Kaffee, der Mensch braucht Rituale. Das nächste Ritual soll hier mal nicht beschrieben werde….lol

Nach dem auch der Rest des Körpers gereinigt wurde, geht’s raus in die RealWorld. Damn, wieder die gleichen Fressen draußen, wieder die Mundwinkel, die anscheinend Tonnen wiegen. Sein nicht, denn er hat heute Glück. Nein, er hat nicht nur heute Glück, er hat es eigentlich täglich, denn er muss nicht am Band stehen. Er muss auch nicht jeden Tag das gleiche machen. Seine Berufung beschert ihm fast täglich neue Aufgaben. Vor allem weil er nicht grade der Sterne-Tätowierer ist.

Die Ladentür ist abgeschlossen. Son Dreck, also selber wischen. Ob die anderen wieder vom Stau gefickt werden ? Tauschen will er nicht, dann lieber Putzen. Doch vorher spült er die Griffstücke vom Vortag mit Wasser ab, weil die Lösung aus dem Abwurfbecken nicht grade gesund ist. Bamm, die Tür geht auf, die erste Seele betritt das Studio. Geil, nicht putzen müssen ist Luxus. Mach ich die Griffstücke fertig für den Steri. Schön mit den Bürstchen schrubben. „Sterilisierter Dreck ist auch steril“ hat er mal einen schlauen Mann sagen hören, aber darauf kann man sich nicht verlassen. Also schön die letzten Farbreste mit Bürste und Ultraschall eliminieren. Dann wieder mit Wasser abspülen und trocken lassen.

Nun ist erstmal Zeit für DailyTalk. Mist, wieder den Wasserzulauf vom Steri vergessen. Also schnell mal hinhechten (Boris Becker hätte es nicht besser machen können…) und die Sinnflut stoppen. Wenn das der Chef sieht, dass sein Geld wieder literweise vergeuldet wird, hätte der Arsch wieder Kirmes…lol

Die Griffe sind fertig getrocknet, also schnell einschweißen in Steriüten und rein in die Wasserdampfhölle. Der Boden ist mittlerweile Wischdesinfiziert, fehlt noch der Arbeitsplatz.

Der Arbeitswagen, muss sich jeden Tag, manchmal mehrmals, einer Behandlung mit Flächendesinfektion gefallen lassen. Aber er glaubt fest an die spirituelle Reinigung..lol

Der Blick in den Kalender erhöht die Freude, denn es steht ein Motiv an, auf das er schon lange Bock hatte. Nichts schnödes, sondern sein Fachgebiet. Das sind die schönsten Tage, wenn das Arbeiten gut von der Hand geht. Jeder Mensch, egal was er ausübt, macht das am besten, was er gerne macht. Also macht er seinen Arbeitsplatz mit Klarsichtfolie parat, tütet schon mal Maschinenkabel, Sprühflasche ein, zieht einen Fingerling über den Netzgerät-Drehknopf und wählt seine Nadeln aus. Die Stifte zum Aufzeichnen sprüht er besser noch mal mit Alkohol ein, wer weiß, was sich darauf abgesetzt hat.

Die Kundin mit den Riesenbrüsten, äh…mit dem tollen Motiv betritt den Laden. Fein, pünktlich…Aber er ist noch nicht fertig. Ihr macht das aber nichts, gibt immer was zu stöbern in Magazinen, die hier reichlich rum liegen.

Während sie wartet, kann er weiter der Hygiene frönen. Er legt schon mal ein paar Maschinen-Hüllen raus. Früher hat er ohne gearbeitet, aber er hat eingesehen, dass es nicht zu verhindern ist, dass er die Maschine mit den Arbeitshandschuhen kontaminiert. Besser zu sicher als zu nachlässig arbeiten. Die Mundspatel für die Vaseline sind alle, schnell neue aus dem Vorrat holen. Gelegenheit, mal zu schauen, wer sonst noch im Eingangsbereich rumlungert. Schnell in die Runde gegrüßt und zurück ins Schmerzkämmerlein. Nach der Vaseline die Farbkäppchen. Die allerdings fasst er nur mit Handschuhen an. Ist ihm lieber so.

Nachdem er die Hände desinfiziert hat, reißt er einen ausreichend großen Stapel Zewa ab. Öfters hat er übrigens schon beobachtet, wie der Rest, wenn was nach einem Kunden übrig
geblieben ist, bei anderen Tätowierern für den nächsten Kunden benutzt wurde. Geht mal gar nicht…ist kontaminiert. Naja, werden die auch noch lernen.

Die Griffstücke kommen aus dem Steri, zum anfassen noch zu heiß, aber er muss eh noch aufmalen.

Besonders freut er sich heute darauf, das Motiv auf die Körperstelle anzupassen und die Kundin mit einer gelungenen Idee zu überraschen. Stencils mag er auch, aber bei großen Motiven, macht das Aufmalen mehr Sinn. Muss ja gut passen. Also rasieren, desinfizieren und aufmalen.

Sie mag den aufgemalten Entwurf sehr, grinst jetzt schon bis über beide Ohren (die am Kopf…lol).

Er setzt jetzt die Maschinen und die ausgewählten Griffstücke zusammen. Mit Handschuhen natürlich, denn sonst hätte man sie nicht sterilisieren brauchen. Die Hardware bleibt zwar nicht lange steril, denn an der Luft ist die Sterilität nicht lange gegeben, aber man muss ja nicht direkt die Griffe und Nadeln mit Keimen in Kontakt bringen. Er überlegt schon länger, ob das Abreißen des Zewas nicht mit Handschuhen noch sicherer wäre…Innerlich weiß er die Antwort schon.

Nachdem er die Maschine mit Plastiktüten verhüllt hat, ist eine Crosskontamination nicht mehr möglich. Das erklärt er auch der Kundin, die das zufrieden aufnimmt. Offensichtlich nimmt er es sehr genau mit der Verhinderung von Risiken. Und sei es nur die nicht so wahrscheinliche Übertragung von Krankheiten über den Rahmen der Tattoo-Maschine.

Die Farbhütchen hat er gefüllt, es kann losgehen. Nach den ersten Linien merkt er, dass die Haut den Stift nicht so toll hält. Vielleicht hat sie sich eingecremt heute Morgen. Fuck, da heißt es besonders aufpassen, damit nichts verschmiert, denn nachzeichnen geht nicht. Das hieße nämlich, den Stift mit potenziellen Erregern kontaminieren. Also muss jede Linie sitzen und die Finger zum Hautspannen einen wahren Akrobatik-Akt vollbringen, damit er nicht die aufgemalten Stellen berühren muss.

Aber alles passt. Zum Glück hat sie eine feste Haut, wo man schnell den Punkt hat, wo sie gespannt ist. Gibt’s auch anders, da kann er mehr ziehen, als Falco das je gemacht hat, und bekommt trotzdem kaum Spannung auf die Haut.

Aber et läuft….Auch das Schattieren befriedigt ihn. Geht alles schön sanft rein. Sie scheint kaum Schmerzen zu haben, was gut ist, denn wenn jemand verspannt, bremst das auch ihn oft. Auch ist verspannte Haut schwieriger im Verhalten. Aber ihre Haut ist der Hauptgewinn. Die Nadel dringt sanft ein, es ist kaum Reizung zu sehen. Hin und wieder wischt er die tätowierte Stelle mit Wasser ab. Früher hat er immer mit der Sprüflasche auf das Tattoo gesprüht, aber heute weiß er, dass es besser ist ins Zewa zu sprühen und nicht direkt auf die Wunde, damit abprallender Sprühnebel keine Körperflüssigkeiten in der Umgebungsluft verteilt.

Nach zwei Stunden ist die Farbe alle. Nachfüllen tut er immer erst, nachdem er frische Handschuhe angezogen hat, die noch keinen Wundkontakt hatten. Zu groß ist die Gefahr, die Farbflasche zu kontaminieren. Hehe, denkt er….Er muss an diesen Tätowierer denken, der nicht nur mit blutigen Handschuhen die Farbflaschen anfasst, sondern auch den blutverschmierten Zewa-Lappen dazu benutzt, die Farbflasche auf und wieder zuzumachen. Er selber würde die Flasche dann sofort wegwerfen….

Nach drei Stunden kommt er endlich zum Ende. Nach dem Schwarz und den Farben, setzt er noch mit Weiß die Highlights. Weil Weiß in der Regel als letztes gemacht wird, meine einige fälschlicherweise, dass Weiß am meisten weh tut. Darüber muss er immer schmunzeln.

Nachdem er ein letztes mal die Farbreste und die Vaseline mit dem angefeuchteten Zewa abgewischt hat, schickt er die Kundin zum Spiegel….

Ihre Augen leuchten. Das ist der schönste Augenblick für ihn, der eigentlich Lohn ist die Freude desjenigen, der von nun an ein Stück Kunst von ihm für immer in der Haut trägt. Manchmal bekommt er Gänsehaut bei dem Gedanken. Er macht etwas, und ein anderer Mensch wird ein Leben lang drauf gucken. Abgefahren, denkt er in solchen Augenblicken.

Nachdem er das Ganze mit Folie abgeklebt hat und ihr die nächsten Schritte von wegen Pflege erklärt hat, verlässt sie zufrieden das Studio. Für ihn ist aber noch nicht alles geschafft. Die Nadeln schmeißt er weg, auch wenn man sie nochmals sterilisieren könnte. Er hat aber keine Lust die Spitzen mit der Lupe überprüfen zu müssen. Lieber schmeißt er sie weg und ist sich sicher, dass die neue Nadel perfekt ist. Andere machen das vllt anders, was er ok findet.

Die Griffe kommen ins Ultraschall, zum groben Vorreinigen, danach ins Abwurfbecken, damit sie schon über Nacht keimtot werden. So kann es sich am nächsten Tag sicher sein, dass er sie gefahrfrei noch mal reinigen kann. Er entfernt noch schnell die Einwegmaterialien und tratscht mit den Arbeitskollegen über den Tag. War ein schöner Tag, hat ihm Spaß gemacht. Hoffentlich kommt sie bald mal wieder, denkt er noch, als er sich Richtung Home macht. Er macht sich schnell noch was zu essen und fällt auf die Couch. Zeichnen muss er heute nicht, denn er weiß, dass er morgen nur ein Tribal ausfüllen muss. Mist, bei dem Typen der ihm immer auf den Sack geht….

Naja, kann nicht jeder Tag die Sonne aus seinem Arsch scheinen….gegen drei wacht er mit steifem Nacken auf der Couch auf und schleppt sich ins Bett…morgen geht’s weiter….



(Ähnlichkeiten sind rein zufällig und das ganze spielt sich so oder anders bestimmt täglich tausende von Male auf der ganzen Welt ab…so oder so….mit ihm oder ihr....) ;-)

(Bin hiermit (gerne) einem Artikel-Wunsch nachgekommen. Hoffe ich hab das richtig verstanden. Hab bissel Hygiene-Wissen mit reingepackt...kann nie schaden...lol)
21.07.2008 12:40:49 / ... / ... [#lang]

Das Tattoo-Farben schon länger im Fokus der Öffentlichkeit sind, haben die meisten sicherlich schon bemerkt. Ich sage nur „Autolack“, aber dazu später mehr.

Im letzen Jahr sind die Hersteller von Tätowierfarben darüber informiert worden, dass eine Grundlegende Änderung in der Handhabung mit dem mirakulösem Medium Tätowierfarben erfolgen soll. Unterlagen bis dahin diese noch der Bedarfsgegenständeverordnung, wird es ab Sommer 2008 endlich eine gesonderte Verordnung geben.

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das ganze schon zu lange einfach der Szene selber überlassen wurde, sich um Inhaltstoffe und Regelungen zu kümmern. Frei nach dem Motto „Wer sich tätowieren lässt hat an Komplikationen selber Schuld.“ haben die sonst so regelwütigen Behörden sich einfach nicht damit befassen wollen. Die funktionierende Eigenverantwortung der Farbhersteller war zwar grundsätzlich vorhanden, aber dennoch sind doch auch Farben auf dem Markt gewesen, die nicht ohne weiteres als ungefährlich bezeichnet werden konnten. Auch wurde jahrelang nicht wirklich über Verfallsdaten oder überprüfbare Herstellungsverfahren nachgedacht.

Das alles hat sich in den letzten Jahren zwar geändert, aber mit dem Boom kamen sowohl ein gestiegenes Interesse in der Öffentlichkeit, als auch ein Anstieg der allergischen Reaktionen. Letzteres ist einfach eine rechnerische Sache : Erhöht sich die Zahl der Anwendungen eines Mittels, erhöht sich auch zwangsweise die Zahl der Komplikationen.

Mit dem steigenden öffentlichen Interesse, haben sich die Medien und mehr oder weniger objektiv testende Institute dem Thema angenommen.

Warum stelle ich die Objektivität in der öffentlichen Diskussion hier in Frage ?

Das ist ganz einfach erklärt. Die mangelnde Objektivität ist ein Produkt aus selektivem Testen und gewollt reißerischer Interpretation durch die Medien. So wurden in den ersten Tests, die eigentlich als Querschnitt dargestellt wurden, nur bestimmte Quellen getestet. Wenn man die seriösen Farbhersteller ausklammert, ist natürlich auch der am Ende relevante Gesamteindruck der Tattoo-Farben-Industrie verfälscht.

Dazu kam dann das willentliche Verdrehen von Sachverhalten durch die Presse. Wenn ein Pigment sowohl im Lackbereich als auch bei Tattoofarben beigemischt wird, heißt das noch lange nicht, dass es sich bei der TattooFarbe um Autolack handelt. In Kuchen und in Crack ist Backpulver..ist dann auch Kuchen gleich Crack ? Eben…Nur weil ein Pigment auch in Lackfarbe vorkommt, heißt das noch lange nicht, dass es nicht gesundheitlich unbedenklich sein kann. Hier wurde dann von der Presse verdreht, was verdreht werden musste, damit die Schlagzeile den Verkauf der Zeitung steigert. Da wird mit den gängigen Assoziationen gespielt, die der Leser hat, wenn er an Autolack denkt (Lösungsmittelgestank/giftig/Chemie), um der Tattoofarbe einen Stempel aufzudrücken. Armseelige Verkaufstaktik, aber nicht verwunderlich im heutigen MedienZeitalter. So geisterte lange, teilweise heute noch, das „Autolack-Gespenst“ durch die Studios.

Letztendlich hat dieses Fehlverhalten der Medien aber einen Prozess in Gang gesetzt, den man prinzipiell nicht als falsch ansehen sollte. Die Schreckensmeldungen haben die eigentlich zuständigen Stellen alarmiert. Mit dem nun entstandenen Interesses der Gesundheits-Instanzen sind ganz neue Aspekt von TattooFarben auf den Tisch gekommen, über die sich die Tattoo-Szene selber noch nicht so viele Gedanken gemacht hatte.

So ist nicht nur relevant, ob eine Farbe als solche verträglich ist, sondern auch, ob die Mischfarben und auch die im Zerfallsprozess einer Farbe entstehenden Spaltprodukte nicht zu Problemen führen könnten. TattooFarben werden dem Sonnenlicht ausgesetzt und zerfallen über Jahre. Je nach Farbton mehr oder weniger. Dieses Zerfallsprodukt muss nicht unweigerlich dieselben Eigenschaften aufweisen, wie die ursprüngliche Farbe.

Auch mit dem heute immer mehr verbreiteten Lasern von Tattoos kommen neue Aspekte ins Spiel. Die oft schon gestellte Forderung, nur noch entfernbare Farben verwenden zu dürfen, ist natürlich lächerlich und würde aus der Entscheidung „für immer“ endgültig eine WischiWaschi-Geschichte machen. Zum heutigen Zeitpunkt kann man nicht jeden Farbton mit einem Laser entfernen, da dieser nur bestimmte Frequenzen hat und nicht jede Farbe „spalten“ kann. Das ist zum Glück immer noch das, was das Tätowieren ausmacht : Eine nicht leichtfertig zu treffende Entscheidung fürs Leben. Aber trotzdem sollte man Farben auch daraufhin untersuchen, dass die Spaltprodukte nach dem Lasern nicht gesundheitsschädlich sind. Denn wird ein Pigment vom Laser zertrümmert, muss das Immunsystem damit klarkommen.


Nun ist das Verbraucherministerium hingegangen und hat die „Tätowiermittelverordnung“ ins Leben gerufen. Obwohl man die Farbenhersteller und auch den D.O.T. in beratender Funktion hinzugezogen hat, kam die übliche Vorgehensweise von Behörden zum Vorschein : Erst jahrelang nicht drum kümmern, um dann mit dem eisernen Besen übers Ziel hinauszuschießen. So sind einige Farbgruppen (AZO) komplett auf der „schwarzen Liste“, obwohl nur ein Bruchteil der Azo-Farbstoffe als bedenklich gelten. Auch sind Pigmente aufgelistet, die einfach aus dem Kosmetik-Bereich als „gefährlich“ übernommen wurden, weil sie dort (z.B.) nicht in Schleimhautnähe verwendet werden sollten. Ist fürs Tätowieren völlig irrelevant, war aber einfacher...Nicht alles was Behörden vorschreiben, macht Sinn, aber das ist ja nichts neues ;-)


Was nicht wirklich verständlich scheint, ist für mich die Definition des Begriffs „Hersteller“. So ist man letztlich der Hersteller eine Farbe, wenn man sich als Tätowierer einen Farbton in der Flasche mischt und später benutzt. Während das mischen der Farbe im Farbtöpfchen dem Künstler freigestellt wird, muss er die fertig gemischte Farbe letztendlich anmelden und sich als Hersteller verantwortlich zeigen. Das macht rein theoretisch das Vormischen von Schwarz/Wasser-Tönen unmöglich. Sinn ? Keine Ahnung….

Auch wird dadurch das importieren von Farben unterbunden. Denn wer die Farben importiert, gilt als Einführer (was in der Verantwortung dem Hersteller gleichkommt), muss das melden und müsste dann, wenn Komplikationen welcher Art auch immer auftreten, als solcher auch die Verantwortung übernehmen, was einen großen Unterschied ausmacht. Er müsste die Farbe prüfen lassen, um jegliches Risiko ausschließen zu können, die z.B. durch die Verunreinigung einer Charge entstehen könnten. Ich halte diese Regelung für unglücklich. So kann der Tätowierer nicht auf einer Convention einfach einkaufen, auch wenn es dieselbe Farbe ist, die auch Hierzulande vertrieben wird.


Die Vorteile der Verordnung sind allerdings im Sinne des Verbrauchers/Endkunden. So werden Inhaltsstoffe von nun an auf den Farbflaschen aufgelistet. Ein Abgleich mit vorhandenen/bekannten Allergien ist so vereinfacht. Auch sind viele als allergen geltenden Pigmente von nun an verboten, die Gefahr von eventuellen Komplikationen wird so verringert.

Die ganze Farbherstellung wird durchsichtiger. Das trägt auch der Entwicklung Tribut, dass die Tattoo-Szene nicht mehr, wie noch vor einigen Jahren, ein Geheimbund ist, der wenige elitäre Anhänger hat. Was wir heute haben, ist eine Riesen-Industrie, die ein breitgefächertes Spektrum an Endverbrauchern bedient. Da ist es mehr als sinnvoll, dass man sich nicht mehr hinter der veralteten Haltung der Subkultur versteckt. Die Szene kann und muss sich nicht mehr durch Geheimniskrämerei nach Außen hin schützen. Schutz vor unbedarften Neueinsteigern bietet heutzutage der rapide steigende Künstlerische Anspruch. Dafür können andere Teile endlich durchsichtiger werden.

Da nützt auch das Rumheulen alter Hasen, die meinen, dass es Früher anders war und sie wünschten, es wäre wieder der kleine Kreis von Tätowierern/Kunden, der Probleme mit Farben eher selten gehabt hat und damit nicht direkt an die Presse gegangen wäre. Aufwachen, es ist nicht mehr so wie Früher, es ist wie es ist. Unzählige Menschen laufen heute in unzählige Studios und auch das Bewusstsein über die Rechte als Kunde hat sich gewandelt. Da darf man sich nicht verhalten wie in einer Seifenblase und versuchen diese zu schützen, bis sie platzt. Wir sind nicht kleine Alices im Wunderland, wir tragen eine Verantwortung, die wir auch erfüllen sollten, denn der Kunde ist das wichtigste….

Aber die Verordnung hat auch immense Vorteile für die Tätowierer : Allergien werden verringert, die Verantwortung der Hersteller ist geregelt, Verstöße von deren Seite sind strafrechtlich verfolgbar.

UND (!!) : Es unterbindet einfach, dass Gerüchte, wie das mit dem angeblich in Tattoofarben vorhandenem Autolack, überhaupt erst aufkommen. Daraus resultiert ein großes Argument wenn es um die Sicherheit im Tätowiervorgang geht. Man muss gar nicht erst rumdiskutieren, sondern kann auf die Tätowiermittel-Verordnung verweisen. Sprich : Der Ruf und der Beruf, die ganze Branche wird seriöser, weil sie mit der Zeit geht. Tätowieren ist ja nun nicht die einzige Branche, die überwacht wird. Auch andere Gewerbe müssen sich der Öffentlichkeit stellen und früher nicht übliche Einblicke gewähren, Überprüfungen zulassen. Sich da ausschließen, würde nicht von Kundenfreundlichkeit zeugen. Dafür kann man die entstehenden Mehrarbeit durch Ablaufdokumentation, Prüfung der aufgelisteten Inhaltsstoffe auf Listenkompatibilität in Kauf nehmen. Die Welt bleibt nicht stehen ;-)


Auch wenn ich das „übers Ziel hinausschießen“ der Verordnung nicht ganz verstehe, begrüße ich doch das Vorhaben als solches, denn es bedeutet mehr Sicherheit für den, der letztendlich die Farbe sein Leben lang mit sich rumschleppen muss.

Inkrafttreten der Tätowiermittel-Verordnung ist der 1.07.2008. Einsehbar ist die Verordnung auf der Internetseite des Verbraucher-Ministeriums.

Ich danke Ralf Michel (Deep Colours! GmbH [DE]Generalsekretär Tattoo Ink Manufacturer of Europe/TIME [DE]) für eine sehr aufschlussreiche Einführung in die neue Verordnung auf dem BmxNet.org-Seminar im letzten Jahr.

Tätowiermittel-Verordnung [DE]




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