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Profil von: melanom
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16.11.2007 01:37:12 / ... / ... [#lang]

1. BMXnet.org [DE]–Seminar in Essen vom 10.-11.11.2007

Erstes internationales Seminar für Tätowierer und Piercer in Deutschland! [DE]

Ein zusammenfassender Rückblick ! (aus der Sicht der Tätowierer)


Liebe Gemeinde,

wie ihr in der Überschrift schon lesen könnt, fand am besagten Wochenende
im Essener „UNPERFEKTHAUS“ [DE] ein Seminar zur Weiterbildung für
Tätowierer und Piercer statt. Da auch Themen besprochen wurden, die
Für den Laien interessant sind, drängt es mich, hier einen Erfahrungsbericht
Zu posten. ;-)

Die angereisten Dozenten waren von hochgradigem Karat. Einige von euch
kennen vielleicht schon den einen oder anderen aus dem Netz, oder anderen
Fachpublikationen.

Um ein paar Dozenten beim Namen zu nennen : Steve Harworth [EN] (USA),
Samppa von Cyborg (Finnland), Art und Steve Godoy [EN] (USA), Dirk Boris Rödl (BRD),
Paul King (USA), Prof. Palmisano (Italien),
und viele mehr. Sprich, ein echt hochrangiges Dozentenfeld.
Aber auch bei den angereisten Teilnehmern, waren einige bekannte Gesichter
zu sehen, was ein großes Interesse an Austausch und Fortschritt erkennen lässt.

Warum ich euch nun damit behellige ? Ganz einfach : Zum einen finde ich es
gut, wenn auch ihr als Endverbraucher seht, dass die Bodymod-Szene
anstrebt, sich mittels Austausch und Weiterbildung zu euren
Gunsten weiterzuentwickeln. Zum anderen interessiert es bestimmt auch
den einen oder anderen, was dort abgelaufen ist. Zumal einige bstimmt
aufgrund der „Protest-T-Shirt“-Aktion [DE] von Stefan die Seite http://www.BMXnet.org [DE]
besucht haben.

Angekommen in Essen bin ich am Freitag, grade noch pünktlich genug, um eine der
Suspension-Shows genießen zu können. Wer hat schon mal die Gelegenheit,
eine aufgrund von durchstochenen Augenbrauen blutende Opern-Sängerin
dabei zu beobachten, wie sie den Tod ihres Geliebten (dargestellt durch eine
Six-Point-Bauchsuspension mit umgelegtem Galgenstrick) besingt ?
War eine echt beeindruckende Vorstellung. Schön fand ich , dass es nicht
„nur“ ne Suspension war, sondern etwas dargestellt und thematisiert wurde.
Danach war für mich erstmal wieder heimreise angesagt, denn für etwaige
Party-Aktion war ich zu müde, ich bin schließlich alt…mein Hände sind blind ..lol

Am nächsten Tag begannen nun die Kurse. Es gab Kurse für Tätowierer und
Piercer. Für uns Tätowierer ging es los mit einem Kursus in Maschinen-Kunde.
Auch wenn man vielleicht meinte, seine maschinen in und auswendig zu kennen,
war man doch überrascht, wie viele kleine Kniffe man von Maschinenbauern wie
den Godoy-Brüdern noch lernen konnte. Die beiden sind übrigens nicht nur
durchs Tätowieren bekannt geworden, sondern haben als Profi-Skater in den
80/90gern quasi den Grundstein dafür gelegt, dass tätowieren Einzug in die
Skateboard-Szene gehalten haben. Zwei kompetente Tätowierer und ungemein
sympathische Menschen. Ist für euch vielleicht nicht wirklich interessant, aber der
kleine Ralf hatte fast Pipi in den Augen, dass er die Idole seiner Jugend auf der Bühne
mit Fragen bombardieren konnte ;-)

Weiter ging es mit zwei Kursen, die inhaltlich auch euch betreffen.
Zum einen ein Vortrag über die im nächsten Jahr in Kraft tretenden Richtlinien
für Tattoofarben. Durch einen Vorstoß der Niederländer, die mit Hauruck
eine Gesetz erlassen haben, was die Verwendung von Pigmenten neu
regelt, zieht nun auch Deutschland nach. Leider ist bei der Umsetzung
einiges nicht wirklich sinnvoll durchgeführt worden. Da man es sich
einfach machen wollte, wurden einfach mal zwei Dinge zusammengefasst.
Nämlich Tattoo und Kosmetik. Frei nach dem Motto „was in der Kosmetik
verboten ist, kann auch beim Tätowieren nicht gut sein“ wurde einfach
eine Liste mit 1200(!!) Stoffen übernommen. Ob das nun Sinn macht oder
nicht, spielte dabei keine Rolle. Dann wurden wir noch drüber aufgeklärt,
welche Pigmente ab dem nächsten Jahr (wahrscheinlich 7/2008) nicht
mehr in Farben enthalten sein dürfen. Auch dort wurde mit dem Holzhammer
die Reiszwecke in die Wand getrieben. Z.B. ist ein Pigment in der Liste, welches
in Verbindung mit Wasser zu sauer reagiert, um im Augenbereich benutzt zu
werden. Ihr ahnt, wo das eigentlich nur wichtig ist ? richtig…in der Kosmetik.
Aber so ist das halt, wenn Nichtfachleute eine Sache beurteilen, von der
sie keine Ahnung haben. So sind die Farb-Produzenten gezwungen, Pigmente
zu ersetzen, die eigentlich weder schädlich, noch unüblich waren.
(aber sowohl der Verband der Tattoofarbenhersteller als auch der D.O.T.ev [DE]
versuchen ihr Bestes, da noch ein wenig dran zu rütteln.)

Alles in allem begrüße ich die Entwicklung, dass man sich drum Gedanken
macht, wie man die Farben sicherer machen kann, keine Frage. Allerdings
scheint es eher eine Brecheisen-Methode zu sein, die eher den Anschein vermittelt,
dass man es sich einfach macht, ohne die eigentlichen Menschen, die Ahnung
haben, nämlich Farbhersteller und Tätowierer, einbindet. Warum gibt es nicht
einfach einen runden Tisch, wo Behörden, Mediziner und die Betroffenen
zusammenkommen, um eine gute Lösung zu finden ? Naja , diese Frage sollte
ich mir als Bürokratie-Verdrossener nicht stellen ;-)

Gefolgt wurde dieser echt aufschlussreiche Vortrag von einem recht kurzen
Kurs über japanische Tätowierungen. Leider musst der echt engagierte
Dirk-Boris mit unserer Trägheit kämpfen. Nach sieben Stunden zuhören
mussten einige Anwesende, mich eingeschlossen, sich regelmäßig in den
Finger beißen, damit die Augenlieder nicht der Schwerkraft unterliegen ;-)
Schade, denn inhaltlich war es sehr interessant. Ich hoffe der Tätowier-Magazin-
Mitarbeiter war nicht zu enttäuscht von unsere Passivität.

Nach einer kurzen Pause und drei Expresso kam dann ein noch ein abschließender Kurs
mit dem Richter Hans-Werner Röhlig, der, dass muss ich hier echt loswerden,
nicht nur extrem kompetent war, sondern auch recht belebend erzählt hat. Eine
schön gemachte Powerpoint-Präsentation (der auf einigen Seiten karrikatierte
Richter schien ihm aus dem Gesicht geschnitten ,.lol) wurde mit netten
Pointen unterlegt. Fazit des Vortrags, und hier betrifft es auch wieder
Euch, in der Zukunft werden auf die Kunden beim Tätowieren umfangreichere
Einverständniss-Erkärungen zukommen. Die einfach mehr auf die Gesetzeslage
zugeschnitten sein werden. Für uns bedeutet das mehr Sicherheit, für
den Kunden klarere Darlegung der Risiken.
Auch der Arbeitsvorgang sollte besser dokumentiert werden. Wenn
auch einige der anwesenden Tätowierer nicht begeistert zu sein schienen, vom
drohenden Schreibkram, so ist es doch ein Schritt in die richtige Richtung,
denn die Branche sollte möglichst wenig Angriffsfläche bieten UND dem
Kunden das Gefühl geben, dass alle Eventualitäten berücksichtigt worden sind !

Damit ging der erste tag zu ende. Ich persönlich war danach so groggy,
dass es direkt wieder heimwärts und ab in die Kiste ging.

Am Sonntag hab ich die „Aftercare“ –Klasse zugunsten 2 Stunden länger
schlafen geschwänzt…;-)

Der darauf folgende Kurs „Farbkunde“ drehte sich in erster Linie um die
Verschiedenen Farbtypen, inhaltliche Unterschiede und auch verschieden
häufige allergene Probleme Diese hier nun aufzuzählen wäre zuviel, aber es
bleibt zu sagen, dass die Farben immer besser, die Kontrollen stärker werden.
Es wurde auch aufgeräumt mit einigen Halbwahrheiten wie „Azo-Farbstoffe
sind generell krebserregend“ (nur einige der Azo-Farbstoffe spalten radikale ab…
aber der Grossteil ist absolut unbedenklich), „pflanzliche Farben sind unbedenklich“
(mit dem begriff „pflanzlich“ spielt die Kosmetik-Industrie gerne, aber grade bei
pflanzlichen Farbstoffen kann die Belastung durch Fremdstoffe besonders hoch sein,
weil diese nicht immer auf ökologisch unbedenklichem Boden gewachsen sind), und auch der Mythos „viele Farben enthalten Schwermetalle“ wurde
entkräftet, denn nur ein echt kleiner Bruchteil der sich auf dem Markt befindlichen
Farben enthalten Schwermetalle. Und diese werden fast ausschließlich in Farbproben
dubioser Hersteller gefunden. Es war schön, auch als Profi mal genaue Antworten auf spezielle fragen zu bekommen. Zu dem Thema lasse ich aber noch einen eigenständigen
Artikel folgen.

Weiter ging es mit einem Vortrag, der von dem italienischen Professor Palmisano
gehalten wurde…nämlich über die Anthropologie von Tätowierungen….
Quasi die Geschichte und die Bedeutung von Tätowierungen für den
Menschen. Es war interessant zu beobachten, dass es anscheinend
viel Argwohn unter den Tätowierern gibt, wenn ein Wissenschaftler ihnen etwas
über die unterschwelligen Beweggründe beim Tätowieren erzählen will.
Mich hat dieser Kursus in die Tiefen des Bewußtseins nur in dem bestätigt,
was ich schon oft zwischen den Zeilen Lesen konnte. Es ist halt nicht nur
das existent, was man sieht oder greifen kann, sondern oft auch das, was im
Unterbewusstsein abläuft. Professor Palmisano selber war
sehr bemüht, aber teilweise kam es Mir vor wie „Perlen vor die Säue werfen“ ;-)

Den Abschluss dieses Wochenendes bildete für uns Tätowierer nochmals ein
Folgekurs in Sachen Maschinenfragen. Diesmal weniger als „Schulklasse“,
sondern eher als kleine Werkkunde am Tisch. Ihr werdet denken „man…die müssten
doch eigentlich wissen was das kleine Gerät in ihren Fingern machen“, aber
stellt euch das einfach so vor : Du ist ein guter Autofahrer…vielleicht sogar ein
Rennfahrer…aber dann kommt einer der besten Mechaniker und Autobauer
daher, und erklärt dir nochmal schön strukturiert, wie welche Schraube
an deiner karre justiert werden muss, damit du das Letzte und Beste aus
der Kiste rausholen kannst .;-)
Das Gruppenbild mit Dame haben wir verpasst, vielleicht wollten die anderen
auch nicht, dass die tätowierten Assis mit aufs Bild kommen . (ihr Schweine lol.)

So…ich hoffe ihr konntet euch ein Bild von dem machen, was dort abgelaufen
ist. Ich denke, nein ich weiß, dass es für alle beteiligten Kursteilnehmer,
ein wissensergiebiges Wochenende war.

Mein dank geht an Stefan (wildcat-ink) und sein Team, die uns ein
Rundum gelungenes Wochenende beschert haben. Solche Events, sind als
Austauschmöglichkeit unter Piercern und Tätowierer gedacht. Ich
kann nur sagen : EIN VOLLER ERFOLG !

Auch die Dozenten, denen ich zuhören konnte, waren durch die Bank sehr nett
Und haben alle frage, alle Diskussionen mit aller ruhe behandelt. Danke dafür !!
Ich hoffe innigst, dass es im nächsten Jahr wieder ein solchen Event geben wird.
Am liebsten wieder in der gleichen Location, denn das „Unperfekthaus“ ist
Der ideale ort für Zusammenkünfte dieser art. Aber es kann gut sein, dass die
Teilnehmerzahl dazu führt woanders zu „seminieren“, denn mit 150 Teilnehmern
Hat die Veranstaltung diesmal die Kapazität des Hauses voll ausgeschöpft.
Von hier auch ein dickes Dankeschön an die Angestellten dieser Einrichtung.

So, ich denke nun wisst ihr, was ich das Wochenende so getrieben habe.

G Ralf



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