profile picture
Profil von: melanom
zuletzt online: 24.03.2013
Aufrufe: ...
Profil Nr.: 53858


19.12.2007 22:31:09 / ... / ... [#lang]

Liebe Gemeinde ;-)

Angeregt durch einen Foren-Beitrag ("Gang-Tattoos (v.a. im Gesicht)..."), möchte ich mich heute mal der "Gang-Tattoos" annehmen. (Leider hab ich die Reihenfolge der Fotos verkackt..so stehen sie nicht im Zusammenhang mit dem jeweils umgebenden Text, aber die Bildunterschriften stimmen)

Gang-Tattoos sind letztendlich Erkennungszeichen für die Zugehörigkeit zu einer mal mehr, mal weniger kriminell orientierten "Vereinigung". Wobei "kriminell" ein recht subjektiv interpretierbarer Begriff zu sein scheint. Gerne wird kriminalisiert, wer sich abgrenzt gegen die Überwachung von Außen. Eine in sich elitär denkende Verbindung von Menschen ist im Sinne einer Staatsmacht, die den Überblick über die Vorgänge in ihrem Land behalten will, natürlich eine potenzielle Gefahr der inneren Sicherheit ;-)

Aus der Sicht der "Gang" ist es eher der Kampf um die eigene Freiheit. Klingt erstmal recht "legitim", kann aber auch anders interpretiert werden, denn die eigene Freiheit steht schnell über der Freiheit der anderen.

Nun gibts Gangs und Gangs. Fangen wir mal an mit einem Urtyp, Sonny Barger möge mir das nicht als Fehlinterpretation ankreiden, der Motorrad-Gang. Rein chronographisch gesehen waren die Biker die ersten, die sich mit einem eigenen Äußeren, einem Ehrenkodex und dem Abgrenzen gegenüber der Gesellschaft zur "Gang" gemacht haben. Die Verbindung zum Tätowieren wird offensichtlich, wenn man mal in der Geschichte der Tattoo-Magazine zurückschaut. So war das erste große Tattoo-Mag das "TATTOO" aus dem Hause der "EASYRIDER". Biker waren die ersten, die Tattoos als Erkennungszeichen für den modernen "OUTLAW" benutzt haben. Sie waren aber dann auch die ersten, die diese Tattoos für andere angeboten haben. So entspach mein erster Tätowierer dem Voll-Clichee "Rocker"..es stand eine mattschwarze Harley vor der Tür, er hatte (hat) lange Haare, Vollbart und zu allem Überfluß noch ein Holzbein. Ich kann nicht verleugnen, dass so ein gutes altes "Oldskool-Biker"-Studio seinen eigenen Reiz hat. ;-)

imgdb
Mara
imgdb
noch einer



Dann gibts die Straßengangs. DIE Gangs schlechthin, sind wohl da die "Bloods und Crips" in Los Angeles. Neben den mittlerweile aus Film und Tv bekannten "bandanas" in der jeweiligen Farbe (crips/blau-bloods/rot) und sonst auch einem der Mode trotzenden Farbgeschmack, sind hier auch die ersten Gang-Tattoos zu sehen gewesen.
imgdb
Mara 3
imgdb
DAS TATTOO-Mag


Allerdings sind hier die Tattoos nicht immer sichtbar, sind auch in meinen Augen nicht als "Abschreckung" gedacht, sondern als dem Männlichkeitgehabe unterworfenen Teil des Outfits zu sehen. Klar, man tritt damit auch gerne mal provokant auf, aber abschrecken tut das heute fast nur noch die Oma von Nebenan ;-)



Geht es dann aber erstmal in die ausschließlich kriminelle Ecke, wie bei der im Forumsbeitrag erwähnten "MARAS", ist nichts mehr wichtig, außer der Gang. Das Rechtsbewußtsein ist nicht mehr kongruent zur Gesellschaft, das Verhalten dieser gegenüber ablehnend. Hier bekommen dann die Tattoos ins Spiel. Sind sie in anderen Gruppierungsformen oft ein Erkennungszeichen untereinander, wird ihre Funktion hier eher als Abschreckung benutzt.

Wer sich mit der Etikette der Gesichtstätowierung schmückt, hat auch für Außenstehende "nichts mehr zu verlieren", was das Auftreten als "Geschäftsmann" (machen wir uns nichts vor, auch hier gehts nur um Geld und Macht) einfacher macht. Wer möchte schon bei jemandem in der Schuld stehen, der ausschaut wie der Mörder seiner eigenen Mutter ? ;-)

Untereinander erzählen die Tattoos etwas über die "Karriere" (lol) und über die Bereitschaft, mit der Gesellschaft "zu brechen".

Kleiner Artikel über die MARAS (plus Photostrecke) bei spiegel.de

imgdb
Typisches Biker-Tattoo der 80ger
imgdb
Crips
imgdb
Schokoladenseite


Filmbeitrag über die "M13"


Ich glaube übrigens nicht, dass diese Gangs ein Symptom der Dritte Welt-Länder sind. Letztendlich gibts Gangs überall, nur die Vorgehensweise und die Kaltblütigkeit passt sich den Umständen der Herkunft bzw den Überlebens-Chancen an. Ein Hund, der immer hungert, beißt schneller mal zu, wenn er begreift, dass es ums überleben geht. ;-)

Fassen wir mal zusammen :

Gang-Tattoos sind sehr vielschichtig. Sie erfüllen unterschiedlichste Funktionen. Für den einen ist es ein fast nostalgischer Rest "Freiheit", für den anderen ein unwiderruflicher Schritt ins gewollt (?) gewählte soziale Abseits. Das "unwideruflich" darf man natürlich auch nicht außer acht lassen. So ist ein Gesichtstattoo mehr als ein Oberarmtat ein großer Schritt raus aus der Gesellschaft. Das Widereingliedern, wenn überhaupt gewünscht, ist damit fast unmöglich. Aus der Sicht der Gang eine nützliche Sache.

Genau so unterschiedlich, wie die einzelnen Gang-Arten in ihrem Auftreten sind, so unterschiedlich werden Tätowierungen benutzt. So bleibt es auch jedem freigestellt, wen er "glaubwürdiger" findet...den 17jährigen Berliner mit "Mein Block" auf dem Oberarm, oder den 23jährigen Guatemalteken, der quer über sein Gesicht ein Gangtattoo vorweisen kann. ;-)



Letztendlich erfüllen diese Tattoos beide eine mitteilende Funktion... Sie teilen dem Gegenüber mit, was er von dem anderen zu halten hat. Dann kann man immer noch selber abschätzen, ob man beim Versuch einem die Schuhe abzuziehen sagt "Verpiss dich Sido" oder lieber doch schnell das Weite sucht..lol.

So, ich hab einiges bestimmt vergessen, aber das ist es, was mir in erster Linie zur Funktion der Tattoos als Gang-Zeichen einfällt.

03.12.2007 13:21:41 / ... / ... [#lang]



Hm, wie ist das denn nun, kann ein Rassist, ein Mensch mit faschistoider Lebenseinstellung, überhaupt tätowiert sein ?

Hab ich doch grade beim Warten am Bahnhof einen eindeutig der rechten/rassistischen Szene zuordnenbaren Gesellen gesehen, der ziemlich (ja, Ärmel muß man bei jedem Wetter hochkrempeln..macht Sinn..lol) zugehackt war.

Nun ist es aber doch so, man verbessere mich, falls ich mich irre, dass in der rechten Szene Farbige nicht so gerne gesehen werden. Böse Zungen behaupten sogar, dass einige in der äußersten Ecke der menschlichen Intelligenz am liebsten solche hochpigmentierten Existenzen auslöschen würden.

Aber wie läßt sich das nun unter einen Hut bringen ? Auf der einen Seite etwas gegen Mehr-Pigmentierung habe, aber selber zum Inker rennen, um sich selber Pigmente (oh oh...da horchen die Ersten Boneheads auf...auch Tattoofarbe besteht (festhalten) AUS PIGMENTEN !) mittels einer importierten Technik unter die Haut bringen zu lassen.

Klar, es gäbe immer noch das Argument, dass ein Tattoo ja nicht den Träger verändert...aber dann würde das ja auch die Rassenvorbehalte der Denkunwilligen untergraben.

Ich sehe da einen sehr großen Zwiespalt, wenn man mal drüber nachdenkt. Aber da scheint auch gleichzeitig die Lösung zu sein : Einfach nicht drüber nachdenken. Das hilft auch bei der Verarbeitung der Tatsache, dass ein faschistoider Staat ebenfalls keine Lust auf biertrinkende, gröhlende und arbeitslose Prolls hat, wenn erstmal die ordentliche Diktatur aufgezogen ist.

Trotz allem bleibt für mich dieser fade Beigeschmack, dass sich da eine hirnlose Subkultur auf die weiße Hautfarbe beruft, aber gleichzeitig in die kulturell vielschichtige Tattookiste greift.

Vielleicht hilft Aufklärung, vllt auch ein konsequentes Ablehnen von eindeutig der rassistischen Szene zuzuordenden Kunden...wir wollen den armen Boneheads doch aus ihrer Zwickmühle raushelfen ;-)

So, das mußte ich mal loswerden....

Schönen Start in die Woche !

 nächster